Page - 373 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 373 -
Text of the Page - 373 -
2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 373
Vom CIC mit einer Fotoausrüstung aus-
gestattet, erhielt er den Auftrag, Militär-
objekte seiner Einheit zu fotografieren.
Darüber hinaus lieferte er „Sergej“
Exemplare des Presseorgans der Zentra-
len Gruppe der Streitkräfte „Za čest’ Ro-
diny“ und weiterer Armeezeitungen.224
Als er im September 1952 auf Urlaub
in die Sowjetunion fuhr, stattete ihn der
amerikanische Geheimdienst angeblich
mit 2000 Rubel und 25 Uhren aus, die er
in eigens angefertigten Sporthosen mit
Taschen über die Grenze schmuggelte.
Bei Kiew warb er seinen um neun Jahre
älteren Bruder Grigorij Polonnikov als
Agenten an, brachte diesem eine Ge-
heimschrift bei und übergab ihm, so das
Präsidium des Obersten Sowjets, ein
Heft mit speziellem Pauspapier sowie In-
struktionen über das Sammeln von Spio-
nageangaben. Per Post sollte ihm Grigo-
rij daraufhin in Geheimschrift Angaben
über die Bevölkerung in Kiew oder etwa
die Dislozierung sowjetischer Truppen und Militärflughäfen geben. Auch
übermittelte er Fahrkarten für Züge und städtische öffentliche Verkehrsmit-
tel.225 Mindestens zwei „Spionagebriefe“ dürfte er tatsächlich Nikolaj unter
dem Pseudonym „Keľman“ übersandt haben. Als Anreiz dienten dem wegen
Alkoholsucht degradierten Grigorij Polonnikov Geld sowie in Aussicht ge-
stellte Pakete mit Wertsachen aus dem Westen.226
Auch bei Nikolaj Polonnikov dürfte das scheinbar leicht verdiente Geld
eine Rolle gespielt haben. Ab Juni 1952 hatte er ein fixes Einkommen von
4000 Schilling pro Monat. Zuvor hatte er regelmäßige finanzielle Zuwendun-
gen und Wertgegenstände erhalten.227 Das Militärtribunal des Truppenteils
28990 verurteilte ihn am 18. Mai 1953 nach Artikel 58-1 und 107 des Strafge-
224 Ebd.
225 Ebd.
226 GARF, F. 7523, op. 76, d. 162, S. 51–55, hier: S. 52, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gna-
dengesuch von Grigorij Polonnikov, 27.3.1953.
227 GARF, F. 7523, op. 76, d. 162, S. 165–170, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum Gnadengesuch
von Nikolaj Polonnikov, 22.7.1953.
Abb. 46: „Wie Du es auch drehst und
wendest, das ‚Finish‘ ist klar!“ Nach dem
Abzug der Besatzungstruppen fanden
Einheimische dieses 1954 von Evgenij
Maloletkov gestaltete sowjetische Propa-
gandaplakat in einer Kaserne in Wiener
Neustadt. (Quelle: AdBIK, Sammlung
Thalhammer)
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918