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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 385
Linie „Frauen, Wertgegenstände, Wein“.270 Ein Paradebeispiel für diese ver-
lockende Trias ereignete sich Anfang Juni 1945 im Wiener Hotel „Kummer“.
Der Kommandeur des 336. NKVD-Grenzregiments gab den Vorfall folgen-
dermaßen wieder: Der für die Bewachung des Hotels zuständige Soldat Ko-
valev und ein Unteroffizier riefen zwei weibliche Angestellte des Hotels zu
sich und fuhren mit ihnen in den Wienerwald. Nachdem sich die beiden Rot-
armisten betrunken hatten, wollten sie angeblich die beiden Österreicherin-
nen vergewaltigen. Diesen gelang es jedoch, die Männer zu einer Rückkehr
ins Hotel zu bewegen. Hier veranstalteten sie ein „Trinkgelage“, schossen um
sich und versuchten die Tür zu einem der Zimmer aufzubrechen, in dem sich
mehrere Frauen befanden. Ein Major forderte sie daraufhin auf, die „geset-
zeswidrigen Handlungen“ einzustellen und sich schlafen zu legen, worauf
ihn die beiden schlugen. Nach einiger Zeit gingen sie ins Zimmer der Frau-
en, die bereits aus dem Hotel geflohen waren, und stahlen ihre Golduhren,
Handschuhe, Zucker und Geld. Sein Vorgesetzter enthob Kovalev daraufhin
seines Amtes und entsandte ihn zur weiteren Dienstverrichtung nach Stan-
burg in eine Unterabteilung des 171. Sonderarbeitsbataillons. Eine härtere
Strafe bzw. eine Strafverfolgung des ebenfalls beteiligten Unteroffiziers wird
nicht erwähnt.271
Besonders unangenehm waren derartige Vorfälle natürlich, wenn sie
einflussreiche Österreicher betrafen. Auch hochrangige Kommunisten, wie
etwa der Staatssekretär für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und
Kultur in der provisorischen Regierung Renner, Ernst Fischer, waren davor
nicht gefeit. Beispielsweise transportierte Leutnant Ivan Stepin, Mitarbei-
ter der Kommandantur im 18. Wiener Bezirk, am 30. Mai 1945 aus Fischers
Wohnung Möbel, Teppiche, Kleidung und persönliche Gegenstände ab. Der
Staatssekretär, dem Angehörige der NKVD-Truppen als Personenschutz
beigestellt waren, verlangte daraufhin in der Kommandantur die Rückgabe
seiner Habseligkeiten. Am 1. Juni erhielt er einen Teil seines entwendeten Ei-
gentums zurück, doch fehlten eine Woche später unter anderem immer noch
eine Schreibmaschine, ein Fahrrad, zwei Decken, zwei Fauteuils, ein Radio
270 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 245, Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei-
ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front,
Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand und die
Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945].
271 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 9, S. 146, Bericht des Kommandeurs des 336. Grenzregiments, Oberstleut-
nant Martynov, und des Leiters des Stabes, Major Buškov, an den Leiter der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, und den sowjetischen
Stadtkommandanten von Wien, über einen Vorfall im Hotel Kummer [nach dem 7.6.1945].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918