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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung386
und Damenunterwäsche.272 Nach weiteren Interventionen brachte die Kom-
mandantur am 7. Juni schließlich das Radio zurück.273 Da das „Beutegut“ an-
scheinend für die Ausstattung der Kommandantur und nicht als persönliche
Bereicherung vorgesehen gewesen war, dürfte es in diesem Fall zu keiner Be-
strafung gekommen sein.
Private Bereicherungen erfolgten auch unter dem Deckmantel offiziel-
ler Beschlagnahmungen. So gaben sich in Graz Rotarmisten als Mitarbeiter
der Politischen Hauptverwaltung aus, um illegale Beschlagnahmungen von
Wertgegenständen in Lagern, Werkstätten und Geschäften der Bevölkerung
vorzunehmen. Einem Geschäftsinhaber im Zentrum von Graz hinterließen
sie folgendes zynisch anmutende Dokument, das nur ein schwacher Trost
gewesen sein dürfte: „Befehl Nr. 603: Hier gibt es nichts mehr zu holen, weil
bereits alles geholt wurde.“274 Andere Armeeangehörige traten als Ortskom-
mandanten auf, plünderten und verübten Gewalttaten. Laut NKVD griffen
vor allem Deserteure aus der Roten Armee auf diese Tarnung zurück.275 Doch
auch Einbrüche in Geschäfte waren verbreitet. Nicht immer endeten sie so
glimpflich wie in der Nacht vom 29. Mai 1945 in Graz, als vier Rotarmisten
die Eingangstür zu einem Geschäft aufzubrechen versuchten. Eine Militär-
patrouille überraschte sie dabei und konnte den Diebstahl noch rechtzeitig
verhindern.276
2.3.4 Schwarzmarkt
Armeeangehörige deckten nicht nur den Eigenbedarf und versorgten ihre Fa-
milien in der Heimat durch Plünderungen, sie beteiligten sich auch illegal am
blühenden Schwarzmarkt der Nachkriegszeit. So tauschten Mitarbeiter der
272 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 9, S. 128, Bericht des Kommandeurs des 1. Bataillons des 336. Grenz-
regiments, Hauptmann Nikol’skij, an den Kommandeur des 336. Grenzregiments, Oberstleutnant
Martynov, über die Plünderung der Wohnung von Minister Fischer, 10.6.1945.
273 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 9, S. 125, Bericht des Kommandeurs des 336. Grenzregiments, Oberstleut-
nant Martynov, und des Leiters des Stabes, Major Buškov, an den Leiter der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, über die Plünderung der
Wohnung von Minister Fischer, 16.6.1945.
274 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 104, S. 223, Operative Tagesmeldung Nr. 00143 des Kommandanten des
17. Grenzregiments, Oberst Pavlov, und des stv. Stabschefs, Hauptmann Alabušev, 27.5.1945. Ab-
gedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 77.
275 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 214, S. 80–92, hier: S. 81, Bericht des Chefs der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, über die Kampfeinsätze
und die Tätigkeit der NKVD-Truppen im Zeitraum April–Mai 1945 [Juni 1945]. Abgedruckt in:
Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 84.
276 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 104, S. 240, Operative Tagesmeldung Nr. 00146 des Kommandeurs des 17.
NKVD-Grenzregiments, Oberst Pavlov, 30.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee
in der Steiermark, Dok. Nr. 82.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918