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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung404
dann könne man ihn gefahrlos trinken. Zu dritt leerten sie schließlich einen
ganzen Kanister Holzgeist, den sie im Keller der Werkstatt entdeckt und ab-
gekocht hatten. Trotz der „Vorsichtsmaßnahme“ trugen alle drei schwere
Vergiftungen davon und mussten medizinisch behandelt werden. „Aber der
Rotarmist des 24. Grenzregiments hatte anscheinend mehr [als die anderen]
getrunken, seine Vergiftung war schwerer“, konstatierte der Kommandeur
des 336. NKVD-Grenzregiments. Innerhalb eines Tages verstarb Mazur.332
Nicht einmal zwei Wochen nach der erwähnten Weisung erlitten drei wei-
tere NKVD-Soldaten eine Vergiftung durch Methylalkohol, einer von ihnen
starb. In Graz starben sechs Rotarmisten nach dem Konsum einer Flasche
Schnaps, die der Unteroffizier des Sanitätsdienstes der Division verbotener-
weise bei Einheimischen gekauft hatte. Sieben ihrer Kameraden überlebten
die Folgen der Vergiftung.333 Oberst Pavlov ordnete daraufhin an, „nochmals
den gesamten Mannschaftsstand auf das Verbot des Kaufs von alkoholischen
Getränken“ hinzuweisen.334
Vor diesem Hintergrund lässt sich auch das Verhalten des Gefreiten Gri-
gorii Omeľčenko erklären, der die längste Zeit die Ursache seiner schweren
Vergiftung zu verheimlichen versuchte. Im August 1946 hatte der Scharf-
schütze einen Bekannten im 4. Wiener Gemeindebezirk getroffen und an-
geblich auf dessen Einladung 100 bis 150 Gramm Schnaps getrunken. Am
folgenden Tag hatte Omeľčenko Schmerzen in den Augen bekommen und
zugleich eine Beeinträchtigung seiner Sehkraft bemerkt. In der Sanitätsabtei-
lung seines Bataillons verschwieg er allerdings, Alkohol konsumiert zu ha-
ben. Erst als er rund zwei Wochen später in das Garnisonsspital überstellt
wurde, gestand er den Schnapskonsum. Bei der Untersuchung stellte sich
heraus, dass sich der Kandidat der VKP(b) eine Vergiftung durch Methyl-
alkohol zugezogen hatte. Ob Omeľčenko überlebte und gegebenenfalls eine
Bestrafung erhielt, ist nicht bekannt.335
332 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 12, S. 172, Bericht des Kommandeurs des 336. Grenzregiments, Oberstleut-
nant Martynov, und des Stabschefs, Major Buškov, über Vorfälle im Regiment, 15.7.1945.
333 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 47, S. 349, Bericht des stv. Leiters des NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, an den Kommandeur des 91. Grenzre-
giments, über außergewöhnliche Vorfälle, 31.5.1945.
334 RGVA, F. 32903, op. 1, d. 47, S. 349, Bericht des stv. Leiters des NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, an den Kommandeur des 91. Grenzre-
giments über außergewöhnliche Vorfälle, 31.5.1945; RGVA, F. 32902, op. 1, d. 104, S. 222, Operative
Tagesmeldung Nr. 00142 des Kommandeurs des 17. NKVD-Grenzregiments, Oberst Pavlov, und
des stv. Leiters des Stabes, Hauptmann Alabušev, 26.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote
Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 76.
335 RGVA, F. 32916, op. 1, d. 11, S. 165, Bericht des Bevollmächtigten des Stabes des 24. NKVD-Grenz-
regiments, Hauptmann Golovačev, über Vorfälle im Regiment im August 1946 [frühestens am
28.8.1946].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918