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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung408
2.5 Vergewaltigung
Spätestens seit dem mythologischen „Raub der Sabinerinnen“ durch römi-
sche Krieger gehört sexuelle Gewalt bis zum heutigen Tag als eine erschre-
ckend häufige Begleiterscheinung der militärischen Eroberung und Besat-
zung zu den üblichen Methoden der Kriegsführung. Die „Schändungen“
ziehen sich als fester Bestandteil von Kriegshandlungen wie ein roter Faden
durch die Geschichte, unabhängig von Nationalität, Rasse, Klasse, Ideologie,
geografischer Lage oder kulturellem Niveau. Als Akt der Unterwerfung, De-
mütigung und Zerstörung richten sich Vergewaltigungen nicht nur gegen
Frauen als die direkten Opfer, sondern auch gegen die indirekt Betroffenen –
die gegnerischen Männer. Ihnen wird über den „besiegten“ Körper der Frau
ihre Niederlage, Machtlosigkeit und Entwürdigung vor Augen geführt. In
den Übergriffen kann sich ein Rachebedürfnis mit Zerstörungswut und oft
lange geschürtem tiefem Hass verbinden. Damit strafte man nicht nur den
„Feind“, sondern bestätigte auch seine labile Männlichkeit.348
Während des Zweiten Weltkrieges, bei Kriegsende und in der Nachkriegs-
zeit kamen Vergewaltigungen durch Angehörige aller Truppen vor. So er-
folgten auch in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und Öster-
reichs Übergriffe durch die dort eingesetzten US-Amerikaner, Briten und
Franzosen. Befreite Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene übten mitunter
Rache an einheimischen Frauen.349 Überall, wo Wehrmachtssoldaten und
SS-Männer stationiert gewesen waren, hatte es – trotz aller Rassenideologie
und der NS-Rassengesetze – Fälle von Notzucht im „Feindesland“ gegeben.350
Während des Krieges gegen die Sowjetunion scheinen sexuelle Gewalttaten,
wenngleich sie weder die SS-Führung noch das Oberkommando der Wehr-
348 Mörth, Schrei nach innen, S. 25; Merridale, Iwans Krieg, S. 348; Ingrid Schmidt-Harzbach, Eine Wo-
che im April. Berlin 1945, in: Helke Sander – Barbara Johr (Hg.), BeFreier und Befreite. Krieg, Verge-
waltigung, Kinder. Frankfurt am Main 2005, S. 21–45, hier: S. 34. Siehe dazu auch das Kapitel B.II.1
„Die Schattenseite“ in diesem Band.
349 Nach neuesten Untersuchungen ist von etwa 11.000 Vergewaltigungen durch amerikanische Besat-
zungssoldaten in Deutschland bis Ende 1945 auszugehen. Vgl. J. Robert Lilly, Taken by Force. Rape
and American GIs in Europe during World War II. Houndmills – New York 2007, S. 12.
350 Regina Mühlhäuser, Eroberungen. Sexuelle Gewalttaten und intime Beziehungen deutscher Solda-
ten in der Sowjetunion, 1941–1945. Hamburg 2010, S. 73–155; Barbara Johr, Die Ereignisse in Zah-
len, in: Helke Sander – Barbara Johr (Hg.), BeFreier und Befreite. Krieg, Vergewaltigung, Kinder.
Frankfurt am Main 2005, S. 46–73, hier: S. 46, 65. Zu Sexualverbrechen der Wehrmacht siehe: David
Raub Snyder, Sex Crimes Under the Wehrmacht. Studies in War, Society and the Military. Lincoln
2007. Vgl. dazu auch Birgit Beck, Vergewaltigung von Frauen als Kriegsstrategie im Zweiten Welt-
krieg?, in: Jahrbuch für Historische Friedensforschung. 1995/4, S. 34–50; Birgit Beck, Wehrmacht
und sexuelle Gewalt. Sexualverbrechen vor deutschen Militärgerichten 1939–1945. Paderborn 2004;
Hans-Heinrich Nolte, Vergewaltigung durch Deutsche im Rußlandfeldzug, in: Zeitschrift für Welt-
geschichte. 2009/1, S. 113–132.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918