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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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I. Ideologie, Disziplin, Strafverfolgung412 tigung. In der Realität verschob sich die Proportion auch hier: Relativ gesehen waren weniger Soldaten für jeweils mehrere Übergriffe verantwortlich. Ein Teil der kursierenden Schätzungen ist zu hoch gegriffen: Manche ge- hen davon aus, in Berlin seien 60 bis 70 Prozent der weiblichen Bevölkerung, also über 800.000 Frauen, vergewaltigt worden.364 Für Österreich gibt es ver- gleichbare Tendenzen. Diese große Spanne ist vor allem auf zwei Phänomene zurückzuführen: einerseits auf das hohe subjektive Ausmaß von Angst und Bedrohung, andererseits auf die überproportionale Bedeutung, welche die Einheimischen den sowjetischen Übergriffen im gesellschaftlichen Diskurs beimaßen.365 Tatsächlich dürfte die Vergewaltigungsrate bei sechs bis sieben Prozent der weiblichen Bevölkerung gelegen sein.366 Praktisch keinerlei Angaben finden sich zu homosexuellen Vergewalti- gungen seitens sowjetischer Soldaten oder zu Übergriffen durch weibliche Armeeangehörige. Dies schließt allerdings nicht aus, dass diese nicht auch stattgefunden hätten. Homosexualität war zwar in der Sowjetunion – ebenso wie im „Dritten Reich“ – gesellschaftlich geächtet und wurde gesetzlich ver- folgt. Auch galt (und gilt vielfach heute noch) Homosexualität als unverein- bar mit dem Militärdienst. Doch dürfte es auch in der Roten Armee – wie in jeder vorwiegend männlich dominierten Gesellschaft – Homosexualität und Übergriffe auf Männer oder Buben gegeben haben.367 So führten deutsche Heimkehrer Mitte der 1950er Jahre an, etwa 15 bis 20 Prozent der Kriegsge- fangenen wären homosexuelle Beziehungen im Lager eingegangen.368 Verge- waltigung von Männern innerhalb der Armee kommt bis heute als Methode vor, um einem Rekruten die Würde zu nehmen.369 Etwa 800.000 bis eine Million Frauen dienten im Zweiten Weltkrieg in den sowjetischen Streitkräften, ein beträchtlicher Anteil davon an der Front.370 Die 364 Johr, Die Ereignisse in Zahlen, S. 55. 365 Marianne Baumgartner, „Jo, des waren halt schlechte Zeiten ...“ Das Kriegsende und die unmittel- bare Nachkriegszeit in den lebensgeschichtlichen Erzählungen von Frauen aus dem Mostviertel. Frankfurt am Main 1994, S. 93. 366 Baumgartner, Vergewaltigung zwischen Mythos und Realität, S. 64f. 367 Florence Tamagne, Guerre et homosexualité, in: François Rouquet – Fabrice Virgili – Daniéle Vold- man (Hg.), Amours, guerres et sexualité 1914–1945. Paris 2007, S. 124–131. 368 Dornik – Hess – Knoll, Burgenländische Kriegsgefangene, S. 80; Deutsche Gesellschaft für Sexual- forschung (Hg.), Die Sexualität des Heimkehrers. Vorträge. Stuttgart 1957. Siehe dazu auch: Fabien Theofilakis, Sexes captifs, la sexualité des prisonniers, in: François Rouquet – Fabrice Virgili – Dani- éle Voldman (Hg.), Amours, guerres et sexualité 1914–1945. Paris 2007, S. 55–61. 369 Ella Poljakova – Elena Vilenskaya, Soldatenmütter: Ausmusterung als Strategie, in: http://www. connection-ev.de/GUS-Staaten/sold_muett.html. 17.6.2008, 12 Uhr. 370 Peter Jahn, Vorwort, in: Peter Jahn (Hg.), Mascha + Nina + Katjuscha. Frauen in der Roten Armee 1941–1945. Maša + Nina + Katjuša. Zenščiny-voennoslužaščie. Mit einem Beitrag von Swetlana Ale- xijewitsch. Leipzig 2002, S. 7–10, hier: S. 7.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
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