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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 419
Am 27. Mai 1945 entfernten sich die beiden sowjetischen Armeeangehö-
rigen Čečel’nickij und Čamin unerlaubt von der Truppe, fuhren nach Wien
und betranken sich. Gegen 22 Uhr trafen sie in der Nähe des Türkenschanz-
parks bei der Max-Emanuel-Straße im 18. Gemeindebezirk auf ein österrei-
chisches Ehepaar. Nach der Überprüfung ihrer Ausweispapiere nahmen die
alkoholisierten Besatzungssoldaten die beiden fest und führten sie in den
Park, wo sie die 23-jährige Frau in Anwesenheit ihres Mannes vergewaltig-
ten. Dem 26-jährigen Österreicher gelang es, zu flüchten und einen sowjeti-
schen Unteroffizier vom Dienst zu alarmieren. Daraufhin wurde eine Streife
„zur Verhaftung der Verbrecher“ in die Richtung des Parks entsandt. Noch
auf der Straße stieß diese auf die Frau, welche die Streife an den Ort des Ver-
brechens führte. „Im Park“, so der interne sowjetische Bericht, „wurden eine
Damentasche des Opfers, ein Gürtel sowie die Feldbluse von Čečel’nickij
gefunden. Bei der weiteren Durchsuchung des Parks in diesem Gebiet ent-
deckte die Streife den Rotarmisten Čečel’nickij ohne Feldbluse und Gürtel. Er
schlief, zugedeckt mit seinem Mantel.“386
Nur wenige Tage später informierten der Kommandeur und der Leiter der
Politabteilung des zuständigen Regiments ihre Vorgesetzten über die Tat und
die getroffenen Maßnahmen. Einleitend lieferten sie eine Charakterisierung
der beiden Armeeangehörigen, die den Durchschnittsbiografien sowjetischer
Besatzungssoldaten entsprach: geboren 1917 bzw. 1919, der Nationalität nach
„Russe“ bzw. „Ukrainer“, geboren in Kasachstan, aus bäuerlichem Milieu,
sechs bzw. acht Klassen Schulbildung, der eine Kolchosbauer und parteilos,
der andere Angestellter und Komsomolze. Seit 1942 bzw. 1944 in der Ar-
mee.387
Typisch ist auch das weitere Prozedere in diesem Fall: Zunächst führ-
te man mit dem gesamten Personal Gespräche durch, wozu sämtliche „mit
dieser Frage verbundenen“ Urteile des Militärtribunals herangezogen wur-
den. Die Führungsebene widmete sich in einer Versammlung der alten Frage
„Über den politisch-moralischen Zustand und den Zustand der militärischen
Disziplin im Regiment“. Auch die Parteiorganisationen wurden aktiviert:
Die Grundorganisationen veranstalteten Versammlungen zum Thema „Die
Aufgaben der Parteiorganisationen“. Auf eigens einberufenen sogenannten
„Rotarmisten-Versammlungen“ („krasnoarmejskie sobranija“) setzte man
sich mit den „Aufgaben des Personalstandes zur Stärkung der militärischen
386 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 167, Außerordentlicher Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Oberstleutnant Martynov, und des Leiters der Politabteilung, Hauptmann Čurkin,
an den Leiter der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, General-
major Pavlov, über die Vergewaltigung einer Österreicherin, 31.5.1945.
387 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918