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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung424
Streng reglementiert war zudem die Zeit des Ausgangs: Soldaten durften
sich nur von 6 bis 22 Uhr in der Stadt aufhalten. Offizieren der Roten Ar-
mee war es gestattet, sich mit Passierschein bis Mitternacht auf der Straße
aufzuhalten. Man wollte ein „zielloses Umherschlendern“ in der Stadt ins-
besondere nachts kategorisch verhindern. Denn wie der vorab erwähnte Fall
zeigt, kam es gerade im Schutz der Dunkelheit zu Vergewaltigungen. Au-
ßerdem war „jedwede Möglichkeit eines Abhaltens von Trinkgelagen, eines
Marodierens und Radauschlagens“ – mit den bekannten Nebenerscheinun-
gen – durch den entsprechenden Kommandanturdienst zu verhindern.402 Wie
das Beispiel von St. Pölten zeigt, wurden in manchen Städten – zumindest in
der ersten Zeit – für alle Hauptstraßen und größeren Plätze vor allem in der
Nacht Streifendienste eingerichtet. Diese Vorsichtsmaßnahme sollte, wie es
ausdrücklich in den entsprechenden Befehlen hieß, „zur Aufrechterhaltung
der militärischen Disziplin in der Garnison“ dienen.403
Zweitens setzten die Politabteilungen auf gezielte Schulungen, um Fälle
von Vergewaltigungen zu vermindern. Die prinzipielle Grundlage dafür bil-
deten die Aufrufe der Oberbefehlshaber an die Truppen der 2. und 3. Uk-
rainischen Front mit der Forderung, „die Bevölkerung Österreichs nicht zu
beleidigen, sich korrekt zu verhalten und die Österreicher nicht mit den deut-
schen Besatzern zu verwechseln“.404 Dabei umfasste der euphemistische Be-
griff „Beleidigungen“ insbesondere Übergriffe wie Vergewaltigungen oder
Plünderungen. Auf dieser Basis hatten die Politoffiziere mit den Militäran-
gehörigen „Aufklärungsarbeit zu Fragen des Verhaltens gegenüber der ört-
lichen Bevölkerung auf dem Gebiet Österreichs“ durchzuführen.405 Generell
lautete das Motto: „Es ist ein entschlossener Kampf gegen jede Form amorali-
402 CAMO, F. 821, op. 1, d. 140, S. 243f., Befehl Nr. 035 des Kommandanten der 20. Garde-Rotban-
ner-Schützendivision, Garde-Oberstleutnant Ivaniščev, und des Chefs des Stabes, Garde-Oberst
Gerasimovič, über die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung und Disziplin in Graz, 9.5.1945.
Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 32.
403 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 27, Befehl Nr. 0215 des Kommandanten der 4. Gar-
de-Armee, Garde-Generaloberst Gusev, und des Mitglieds des Militärrates der 4. Garde-Armee,
Generalmajor Šepilov, über die Ernennung von Garde-Generalmajor Rybalčenko zum Leiter der
Garnison von St. Pölten, 18.7.1945.
404 Aufruf des Militärrates an die Truppen der 3. Ukrainischen Front, 4.4.1945. Abgedruckt in: Karner –
Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 9. Original abgedruckt in: Zems-
kov et al., SSSR – Avstrija, S. 16–17. Der Militärrat der 2. Ukrainischen Front richtete sich gleichfalls
am 4. April 1945 mit einem analogen Befehl an die Truppen der 2. Ukrainischen Front. Vgl. dazu:
Institut Voennoj Istorii, Krasnaja Armija v stranach Central’noj Evropy, S. 617. Siehe dazu auch das
Kapitel A.II.1 „Der Wandel des Feindbildes: sowjetische Propaganda“ in diesem Band.
405 CAMO, F. 821, op. 1, d. 140, S. 254, Befehl des Kommandanten der 20. Garde-Schützendivision über
Maßnahmen zur Einrichtung und Verbesserung des Garnisonsdienstes, 12.5.1945. Abgedruckt in:
Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 43.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918