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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 429
Frau seine Freude hat oder eine Kleinigkeit mitgehen lässt?“417 Stalin habe
Djilas’ Frau geküsst und dann gewitzelt, „er mache diese Geste der Zunei-
gung auf die Gefahr hin, dass man ihn der Vergewaltigung beschuldige“, er-
innerte sich Djilas. Stalins mangelndes Feingefühl bei diesem Thema zeigte
sich laut Djilas auch in seiner Haltung gegenüber ähnlichen Klagen während
des Ostpreußen-Feldzuges: „Wir machen unseren Soldaten zu viele Vor-
schriften“, äußerte Stalin angeblich, „sollen sie auch etwas eigene Initiative
haben.“418
Neben der zynischen Bagatellisierung der Vorfälle machen diese Passagen
folgendes Phänomen deutlich: Die sexuelle Gewalt in der Roten Armee war
– und ist – nach außen hin kein Thema. Noch heute reagieren russische Insti-
tutionen und Archive empört, wenn die heikle Materie angesprochen wird.
Veteranen blocken bei der Frage vielfach grundsätzlich ab und verweisen
größtenteils darauf, derartige Fälle höchstens vereinzelt gesehen zu haben.
Und auch im öffentlichen Bewusstsein der ehemaligen Sowjetunion ist dieser
wenig rühmliche Aspekt des „Großen Vaterländischen Krieges“ und der Jah-
re danach nicht vorhanden. Keine Armee hängt ihre Verbrechen an die große
Glocke. Doch bereits zur Zeit der Vorfälle erzwang das offizielle Schweigen
der Sowjets eine Starre. Man versuchte, sich öffentlich dem Thema zu entzie-
hen und es dadurch gleichsam ungeschehen zu machen. Wie im naiven Spiel
von Kindern, die, wenn sie sich selbst die Augen zuhalten, meinen, sie wären
nicht nur unsichtbar, sondern gar nicht da. Aus dem kollektiven Schweigen
konnte eine selektive Amnesie entstehen, die aus Scham geboren wurde, die
aber auch den Heldenmythos des sowjetischen Kämpfers hochleben ließ.
Denn das offizielle Gedenken spendet den Veteranen und ihren Angehörigen
bis heute Trost und hebt die Moral der Nation. Für eine Thematisierung von
Vergewaltigungen ist da kein Platz.
2.6 Desertion, eigenmächtiges Entfernen und Suizid
Eigenmächtiges Entfernen („samovol’naja otlučka“) von der Truppe und – als
schlimmste Form – Desertion stellten zwei der schwersten Straftaten dar, die
ein Angehöriger der Roten Armee begehen konnte.419 Seit jeher hatte Fahnen-
flüchtigen die Exekution gedroht, ob mit oder ohne Tribunal, und seit Au-
gust 1941 traf die Schande auch ihre Angehörigen: „Feiglinge und Deserteure
417 Zit. nach: Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 93. Mit abweichender Übersetzung in: Milovan
Djilas, Der Krieg der Partisanen. Memoiren 1941–1945. Wien – München – Zürich – Innsbruck 1977,
S. 548.
418 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 93.
419 Satjukow, Besatzer, S. 167.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918