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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 429 Frau seine Freude hat oder eine Kleinigkeit mitgehen lässt?“417 Stalin habe Djilas’ Frau geküsst und dann gewitzelt, „er mache diese Geste der Zunei- gung auf die Gefahr hin, dass man ihn der Vergewaltigung beschuldige“, er- innerte sich Djilas. Stalins mangelndes Feingefühl bei diesem Thema zeigte sich laut Djilas auch in seiner Haltung gegenüber ähnlichen Klagen während des Ostpreußen-Feldzuges: „Wir machen unseren Soldaten zu viele Vor- schriften“, äußerte Stalin angeblich, „sollen sie auch etwas eigene Initiative haben.“418 Neben der zynischen Bagatellisierung der Vorfälle machen diese Passagen folgendes Phänomen deutlich: Die sexuelle Gewalt in der Roten Armee war – und ist – nach außen hin kein Thema. Noch heute reagieren russische Insti- tutionen und Archive empört, wenn die heikle Materie angesprochen wird. Veteranen blocken bei der Frage vielfach grundsätzlich ab und verweisen größtenteils darauf, derartige Fälle höchstens vereinzelt gesehen zu haben. Und auch im öffentlichen Bewusstsein der ehemaligen Sowjetunion ist dieser wenig rühmliche Aspekt des „Großen Vaterländischen Krieges“ und der Jah- re danach nicht vorhanden. Keine Armee hängt ihre Verbrechen an die große Glocke. Doch bereits zur Zeit der Vorfälle erzwang das offizielle Schweigen der Sowjets eine Starre. Man versuchte, sich öffentlich dem Thema zu entzie- hen und es dadurch gleichsam ungeschehen zu machen. Wie im naiven Spiel von Kindern, die, wenn sie sich selbst die Augen zuhalten, meinen, sie wären nicht nur unsichtbar, sondern gar nicht da. Aus dem kollektiven Schweigen konnte eine selektive Amnesie entstehen, die aus Scham geboren wurde, die aber auch den Heldenmythos des sowjetischen Kämpfers hochleben ließ. Denn das offizielle Gedenken spendet den Veteranen und ihren Angehörigen bis heute Trost und hebt die Moral der Nation. Für eine Thematisierung von Vergewaltigungen ist da kein Platz. 2.6 Desertion, eigenmächtiges Entfernen und Suizid Eigenmächtiges Entfernen („samovol’naja otlučka“) von der Truppe und – als schlimmste Form – Desertion stellten zwei der schwersten Straftaten dar, die ein Angehöriger der Roten Armee begehen konnte.419 Seit jeher hatte Fahnen- flüchtigen die Exekution gedroht, ob mit oder ohne Tribunal, und seit Au- gust 1941 traf die Schande auch ihre Angehörigen: „Feiglinge und Deserteure 417 Zit. nach: Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 93. Mit abweichender Übersetzung in: Milovan Djilas, Der Krieg der Partisanen. Memoiren 1941–1945. Wien – München – Zürich – Innsbruck 1977, S. 548. 418 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 93. 419 Satjukow, Besatzer, S. 167.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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