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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 431
bar versucht hatten, zu fliehen. Unterdessen legten andere selbst Hand an
sich. Anfang 1942 nahmen die Fälle von Selbstverstümmelung („samostrel“)
erschreckend zu.423
2.6.1 Suizid
Selbstmorde Wehrpflichtiger waren von jeher ein Problem in der Roten Ar-
mee, das bis heute, unter den oft katastrophalen Bedingungen in den Streit-
kräften der Russischen Föderation, traurige Aktualität besitzt. Anfang der
1920er Jahre gingen die meisten Fälle von Selbstmord auf die schlechten ma-
teriellen Bedingungen zurück. Dabei war die ohnehin hohe Selbstmordrate
unter den Kommandeuren noch höher als unter den Rotarmisten. Als Grün-
de galten – abgesehen von der misslichen materiellen Lage – psychische Stö-
rungen, unheilbare Krankheiten, Probleme im Dienst, Angst vor Bestrafung
und familiäre Probleme.424 Nach Kriegsende hatte sich die Situation der Ar-
meeangehörigen zwar grundlegend geändert, allerdings finden sich mit einer
gewissen Regelmäßigkeit Hinweise auf Suizide in den Reihen der sowjeti-
schen Besatzungstruppen in Österreich. Der NKVD subsumierte Selbstmorde
in der Kategorie „amoralische Erscheinungen“, in die auch Trunkenheit oder
Delikte wie Diebstahl sozialistischen Eigentums fielen. Die „Schuld“ für diese
„amoralische Erscheinung“ lag demnach stets beim Suizidenten selbst. „Wie
eine dienstliche Untersuchung ergab, erfolgte der Selbstmord von Sergeant
Gladyš als Folge seiner moralischen Labilität“, lautete in solchen Fällen die
typische Schlussfolgerung. Der 1924 geborene Ukrainer hatte sich am 14. Jän-
ner 1946 um 7.40 Uhr in der Toilette der Manövergruppe mit einem Revolver
in die Brust geschossen.425
Einen Hinweis auf die Hintergründe dieser Verzweiflungstat findet man
in einem weiteren NKVD-Bericht. Demnach beendete der Sergeant sein Le-
ben „infolge persönlichen Kleinmuts und Labilität, die als Folge einer un-
verhofften Beendigung der Beziehung mit einem bekannten Mädchen auf-
traten“. Ob es sich um eine Österreicherin handelte, die den Liebeskummer
ausgelöst hatte, bleibt unerwähnt. Stereotyp schloss der NKVD seine Schil-
423 Merridale, Iwans Krieg, S. 97, 144f., 178.
424 Bogdan Musial, Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Berlin 2008, S.
100.
425 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 156, S. 13–28, hier: S. 15, Bericht des Kommandeurs des 37. Grenzregi-
ments, Oberst Jaroslavskij, und des Leiters der Politabteilung, Major Sudakov, an den Leiter der
NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, über den poli-
tisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin im 37. Grenzregiment im 1. Quartal 1946,
31.3.1946.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918