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I. Ideologie, Disziplin,
Strafverfolgung436
Eine Analyse derartiger Vorfälle ergab, so der Kommandeur des
37. NKVD- Grenzregiments und der Leiter der zuständigen Politabteilung,
dass vor allem folgende Rahmenbedingungen für unerlaubtes Entfernen
ausschlaggebend waren: erstens, wenn der Stadturlaub nicht geregelt war;
zweitens, wenn der Innendienst schlecht aufgestellt war; und drittens, wenn
sich infolgedessen undisziplinierten Wehrdienstleistenden einfach die Mög-
lichkeit bot, unerlaubt ihren Posten zu verlassen. Als Paradebeispiel dafür
führten sie den Kraftfahrzug des Regiments an: Da die Bewegung des Mann-
schaftsstandes aus der Kaserne in die Garage nicht genau reglementiert war,
konnten sich einzelne Soldaten verbotenerweise von der Truppe entfernen.
Erst eine genaue Reglementierung des Dienstes unterband die illegalen Aus-
flüge zumindest so weit, dass sie nicht unentdeckt blieben.441
Abgesehen davon spielte aber sicherlich auch Langeweile eine Rolle. Die
Schuld traf wieder einmal die Vorgesetzten. Da die Kommandeure vieler Ein-
heiten und die Parteiorganisationen zu wenig „Massenarbeit“ („massovaja
rabota“) in der Freizeit und an den freien Tagen durchführten, hatten die
Militärangehörigen nichts bzw. nichts Sinnvolles zu tun. Daher „tranken sie,
entfernten sich unerlaubt von der Truppe oder streunten, wenn sie Freigang
hatten, in den Parks, auf Märkten herum, kauften, tauschten oder verkauften
diverse Gegenstände“.442 Vergleichbare Vorfälle traten gerade auch unter De-
serteuren auf, die allerdings – wurden sie wieder aufgegriffen – mit drakoni-
schen Strafen zu rechnen hatten.
2.6.4 Desertion und Folgeverbrechen
Deserteure der Roten Armee bezeichnete man in einem Atemzug mit Spio-
nen, Diversanten und Terroristen als „verbrecherische Elemente“. Sie muss-
ten ausgeforscht, festgenommen und bestraft werden, lautete die offizielle
Devise.443 In den Wirren der Kämpfe zu Kriegsende war es relativ einfach,
der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, über den
politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin im 37. Grenzregiment im 1. Quartal
1946, 31.3.1946.
441 Ebd., S. 20.
442 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 110–127, hier: S. 121, Bericht des Leiters der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der CGV, Generalmajor Kuznecov, und des Leiters der Politabteilung der
Truppen, Oberst Šukin, an den stv. Leiter der Hauptverwaltung der Inneren Truppen des NKVD,
Generalmajor Skorodumov, über den politisch-moralischen Zustand und die Disziplin in den
MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV im 1. Quartal 1946, 9.4.1946.
443 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 216, S. 44–49, Operationsplan zur Säuberung des Hinterlandes der 3. Ukra-
inischen Front, 3.5.1945. Auszugsweise abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote
Armee in Österreich, Dok. Nr. 31; zur Gänze in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark,
Dok. Nr. 30.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918