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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 437
unbemerkt davonzukommen. Ende April 1945 berichtete der NKVD: „Es
kommt weiterhin zu Fällen von Desertion aus den Unterabteilungen und
Einheiten der Roten Armee. Die Deserteure erwecken den Anschein, hinter
ihren Einheiten zurückgeblieben zu sein, und halten sich in Ortschaften des
Hinterlandes auf, in denen sie die örtliche Bevölkerung berauben.“444 Allein
am 29. April griffen zwei Bataillone des 17. Grenzregiments acht fahnenflüch-
tige Rotarmisten auf, „die sich unter dem Vorwand [sic!], hinter ihren Einhei-
ten zurückgeblieben zu sein, in Ortschaften des Hinterlandes aufhielten, sich
dem Alkohol hingaben und die örtliche Bevölkerung beraubten“.445
Ähnlich lautete ein Bericht vom Mai 1945, worin fehlender Kontrolle die
Schuld gegeben wurde: „Infolge von Disziplinmangel und des Fehlens der
nötigen Ordnung in den Einheiten und Unterabteilungen der Roten Armee
kam es dazu, dass einzelne Soldaten der Roten Armee desertierten, sich in
Dörfer des Hinterlandes begaben und sich dort betranken, plünderten und
Frauen vergewaltigten.“446
Bis Juni 1945 nahm die Zahl an festgenommenen Deserteuren gegen-
über der Kriegszeit zunächst drastisch ab: Hatte der NKVD innerhalb des
17. NKVD-
Grenzregiments im Jänner 163, im Februar 192 und im März sogar
337 Fahnenflüchtige verhaftet, so ging ihre Zahl von 121 im April und 118 im
Mai bis auf knapp über 20 im Juni zurück.447 Doch laut Angaben des Militär-
rates der CGV nahmen die Desertionen ab Sommer 1945 wieder zu: Allein
aus einer Armee waren im Juli 30 Männer desertiert.448 Insgesamt nahm der
NKVD als Folge seiner „operativ-geheimdienstlichen Tätigkeit“ in den ersten
sechs Monaten 1945 beinahe 1000 Angehörige der 3. Ukrainischen Front fest.
Weit darüber lag die Zahl von Armeeangehörigen, die hinter ihren Einhei-
ten zurückgeblieben waren: Insgesamt verhaftete der NKVD 7400 von ihnen,
davon über 3300 allein im Februar, 1233 im März, 536 im April, 265 im Mai
und nur mehr 21 im Juni 1945. Anscheinend befanden sich unter den ver-
444 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 235, S. 143f., hier: S. 143, Operativer Bericht Nr. 00115 des Kommandanten
des 17. NKVD-Grenzregiments, Oberst Pavlov, und des Stabschefs, Major Mordvinkin, 29.4.1945.
Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 28.
445 Ebd.
446 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 104, S. 183–185, hier: S. 183, Erklärung des Stabes des 17. NKVD-Grenzre-
giments zur operativ-geheimdienstlichen Tätigkeit im April 1945 [Mai 1945]. Abgedruckt in: Karner
– Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 28.
447 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 219, S. 113–115, Bericht des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, und des stv. Stabschefs, Major
Gru’ev, über die Festnahmen im ersten Halbjahr 1945 [Juli 1945]. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die
Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 105.
448 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 291, S. 229, Bericht des Mitglieds des Militärrates der CGV, Generalleut-
nant K. Krajnjukov, und des Leiters der Politverwaltung der CGV, Generalmajor F. Jašečkin, an die
Leiter der Politabteilungen der Armee und Korps über Desertionen, 1.9.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918