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2. „Amoralische Erscheinungen“, Straftaten und ihre Verfolgung 453
war hier nicht die Rede. Im Gegenteil: In ihrem Gnadengesuch betonte Ko-
lacek-Greskova ihre eigenen Kontakte zu französischen und amerikanischen
Geheimdiensten: „Und abermals lernte ich durch einen unglücklichen Zufall
den Deserteur Kostikov [Kolesnikov] kennen, der sich, wie er mir erzählte,
bereits ein Jahr versteckte und fliehen wollte, weil eine Österreicherin von
ihm ein Kind habe und er sie heiraten wollte. Ich brachte ihn zu den Franzo-
sen und bekam dafür Geld.“503
Die junge Frau wurde schließlich am 12. August 1950 verhaftet. Das Mili-
tärtribunal des Truppenteils 28990 verurteilte sie nach Artikel 17-58-1a („Bei-
hilfe zum Vaterlandsverrat“) und nach Artikel 58-6 („Spionage“) zum Tod
durch Erschießen. Die Wienerin wurde am 9. Jänner 1951 in Moskau hinge-
richtet. Kolesnikov war bereits am 22. April 1950 vom Militärkollegium des
Obersten Gerichts der UdSSR „wegen der Weitergabe geheimer Informatio-
nen über sowjetische Truppenteile in Österreich an den amerikanischen Ge-
heimdienst“ zum Tod verurteilt und noch am selben Tag erschossen worden.
Stalin persönlich hatte die Genehmigung dazu unterzeichnet. Kolesnikovs
Aussagen hatten – wie jene Kolacek-Greskovas und eines weiteren Ange-
klagten – Louzek „in der gegen sie vorliegenden Beschuldigung“ angeblich
„überführt“. Ihr gemeinsamer zweieinhalbjähriger Sohn wurde durch die
Hinrichtung beider Elternteile zur Vollwaise. Zum Zeitpunkt des Urteils be-
fand er sich in einem Kinderheim in der amerikanischen Besatzungszone.504
Danach wuchs er in einem SOS-Kinderdorf auf.505
503 GARF, F. 7532, op. 66, d. 102, S. 54f., Gnadengesuch von Edeltraude Kolacek-Greskova an das Prä-
sidium des Obersten Sowjets, 16.3.1950.
504 GARF, F. 7523, op. 66, d. 121, S. 108–110, hier: S. 108, 110, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum
Gnadengesuch von Ingeborg Louzek, 6.12.1950; Memorial, Stalinskie rasstrel’nye spiski. CD-Disk.
Moskau 2002. Herrn Dr. Nikita Petrov, Moskau, danke ich herzlich für diesen Hinweis.
505 Hans Peter Louzek, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Graz 4.5.2009.
Abb. 61: Ingeborg Louzek wurde
im August 1950 verhaftet und
wenig später vom Militärtribunal
des Truppenteils 28990 wegen
„Beihilfe zum Vaterlandsverrat“
und „Spionage“ zum Tod durch
Erschießen verurteilt. Das Urteil
wurde am 9. Jänner 1951 in Moskau
vollstreckt. (Quelle: CA FSB, Straf-
prozessakt Louzek)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918