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II. VERGEWALTIGUNGEN,
BEZIEHUNGEN, KINDER
Sexualität und Liebe gehören ebenso zu den Erfahrungen von Krieg und
Besatzung wie Brutalität und Gewalt.1 Durch die Ausnahmesituation der
Kriegs- und Nachkriegszeit ergab sich ein Spektrum von sexuellen Kontak-
ten, das ungewöhnlich groß war. Dieses reichte von Vergewaltigungen über
Prostitution bis hin zur großen Liebe des Lebens. Abtreibungen oder Ge-
schlechtskrankheiten gehörten dabei zu den unerwünschten „Nebenerschei-
nungen“. Aber auch die Verurteilung von Frauen als feindliche Spioninnen,
die Offiziere scheinbar in die „Honigfalle“ tappen lassen hatten, stellte einen
Aspekt dieser Beziehungen dar.2
Bei Liebesverhältnissen unterschied sich die Attraktivität aus Sicht der
Frauen auffallend von jener aus Sicht der Männer. Dies hing primär von den
unterschiedlichen, geschlechtsspezifischen Rahmenbedingungen und den –
häufig negativen – Reaktionen des jeweiligen Umfelds ab. Gerade bei sowje-
tischen Besatzungssoldaten spielte das politische System eine zentrale Rolle,
untersagte es doch aus ideologischen und disziplinären Gründen (dauerhaf-
te) Beziehungen mit Österreicherinnen. Ein von außen herbeigeführtes Zer-
brechen beinahe all dieser Liebschaften war die Folge. Den einzigen – ebenso
riskanten wie illegalen – „Ausweg“ bildete Desertion.
Als Resultat freiwilliger sexueller Beziehungen, aber auch als Folge von
Vergewaltigungen kamen Tausende „Besatzungskinder“ auf die Welt. Sie
galten als „Kinder des Feindes“, die zugleich schmerzhafte Erinnerungen
der Niederlage hervorriefen. Oft waren sie diversen Formen von Diskrimi-
nierung ausgesetzt. Gerade die „Russenkinder“ bildeten eine Generation
„vaterloser“ Töchter und Söhne, die ihre Kindheit häufig bei Tanten, Groß-
oder Pflegeeltern verbrachte. Vielfach umgab die Betroffenen eine Mauer
des Schweigens, die manche bis heute nicht durchbrechen konnten. Fragen
nach der eigenen Identität und die Suche nach den „Wurzeln“ waren meist
die Folge, die auch auf die nächsten beiden Generationen übertragen werden
konnten. Doch auch Väter versuchten, oft erst im hohen Alter, ihre „österrei-
chischen“ Kinder, die die wenigsten jemals auch nur zu Gesicht bekommen
hatten, auszuforschen. Die unmittelbaren Folgen von Besatzung und Sexua-
lität haben sowohl über die geografischen Grenzen als auch die inzwischen
vergangenen Jahrzehnte hinweg nichts an Aktualität verloren.
1 Ebba D. Drolshagen, Das Schweigen. Das Schicksal der Frauen in besetzten Ländern, die Wehr-
machtssoldaten liebten, in: metis 8/15. 1999. S. 28–47, hier: S. 41. Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2
„Vergewaltigung“ in diesem Band.
2 Stelzl-Marx, Freier und Befreier.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918