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1. Die Schattenseite 467
wie Berichte von Zeitzeuginnen und die Aufzeichnungen der „Anonyma“,
die erstmals 1959 unter dem Titel „Eine Frau in Berlin“ erschienen, belegen.7
Denn dieses Wissen hätte eine zu massive Erschütterung des eigenen Selbst-
bildes bedeutet. Sie empfanden ein Gefühl von Machtlosigkeit, weil sie ihre
Frauen und Mädchen nicht schützen hatten können, und der Erniedrigung,
da durch die „Entweihung der Sittsamkeit“ ihrer Frauen zugleich ihre Ehre
in Mitleidenschaft gezogen wurde.8 Der Körper der Frau galt als Symbol für
das eigene, zu verteidigende Territorium, dessen Verletzung besonders de-
mütigte, und als „Schlachtfeld“ eines Kampfes gegen eine ganze ethnische,
kulturelle oder religiöse Gemeinschaft.9 Das Schweigen der Ehemänner, die
sexuelle Moral der Nachkriegszeit und die soziale Tabuisierung des Themas
erschweren bis heute, über das Leid und die Erniedrigung eines solchen
Übergriffes zu sprechen.10 Eine finanzielle Entschädigung erfolgte lediglich
bei einer schweren körperlichen Gesundheitsschädigung nach dem Kriegs-
opferversorgungsgesetz.11
1.1.1 „Gerade noch davongekommen“
Vor diesem Hintergrund ist auch der Erzähltopos der „Davongekommen-
Geschichten“ zu sehen, der eine Absage an die Rolle des passiven, hilflosen
Opfers darstellt. In diesen Erzählungen beschreiben sich die Frauen stets als
die Handelnden der Geschichte. Dank ihrer Stärke, ihres Mutes und ihrer List
hätten sie demnach dem übermächtigen, bewaffneten Angreifer entkommen
können. Dazu gehören Schilderungen, wie sie mit Marmelade im Gesicht
einen ansteckenden Ausschlag vortäuschten, was zu dem bezeichnenden
Ausdruck „Powidlkrankheit“ führte. Wie sie „krank, krank!“ schrien, um auf
eine vermeintliche Infektionskrankheit aufmerksam zu machen, sich als alte,
hässliche Frauen verkleideten oder so schnell wie möglich davonliefen. Dabei
charakterisieren sie häufig andere Frauen als zu „ungeschickt“, „ängstlich“,
7 2003 wurde das Buch neu aufgelegt und entwickelte sich zu einem Bestseller. Vgl. Anonyma, Eine
Frau in Berlin.
8 Anne-Ev Ustorf, Wir Kinder der Kriegskinder. Die Generation im Schatten des Zweiten Weltkrie-
ges. Freiburg im Breisgau 2008, S. 109.
9 Gaby Zipfel, Ausnahmezustand Krieg? Anmerkungen zu soldatischer Männlichkeit, sexueller Ge-
walt und militärischer Einhegung, in: Insa Eschebach – Regina Mühlhäuser (Hg.), Krieg und Ge-
schlecht. Sexuelle Gewalt im Krieg und Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern. Berlin 2008,
S. 55–74, hier: S. 66.
10 Nicholas Stargardt, Kinder in Hitlers Krieg. München 2008, S. 393.
11 Margareta Steiner, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. St. Lambrecht 21.11.2009. Zum
Kriegsopferversorgungsgesetz vgl. auch: Peter Fritz – Eva Schweighofer, Lebenslänglich – Die Erin-
nerung bleibt. 20 österreichische Kriegs- und Nachkriegsschicksale. Graz 2008, S. 138f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918