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1. Die Schattenseite 471
vielfach bis heute tabuisiert. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen und wohl
auch das Empfinden von Schmach. Ein Beispiel hierfür ist eine über 80-jähri-
ge Frau aus Bruck an der Leitha. Als im Sommer 2006 der Moskauer Veteran
Boris Zajcev, der hier bis 1946 als Besatzungssoldat stationiert war und die
Frau persönlich kennenlernte, auf ihre Handgelenke deutet, bricht sie in Trä-
nen aus. Zajcev kann sich an die Verbände an ihren Handgelenken erinnern
und möchte wissen, was damals genau passierte. Ihre Tochter wechselt da-
raufhin das Thema. Später erklärt sie, dass ihre Mutter nach einer Vergewalti-
gung sich selbst und ihrer Tochter die Pulsadern aufschnitt. In letzter Minute
konnten der Selbstmord und der Tod des Mädchens verhindert werden. Bis
heute kann ihre Mutter nicht darüber sprechen, wohl auch aus Scham, dass
sie sich selbst und ihrer Tochter das Leben nehmen wollte.
Erstaunlich ruhig und distanziert berichtet hingegen eine weitere Betroffe-
ne über das Vorgefallene. So eröffnet die 1914 geborene Rosa K. aus der Um-
gebung von Feldbach, die zu Kriegsende mehrfach Opfer sexueller Gewalt
wurde, das Interview mit einer Schilderung ihrer Kinder: Bereits drei Kinder
erlebten das Kriegsende 1945 mit, der älteste Sohn war schon im sechsten Le-
bensjahr, die jüngste Tochter war gerade ein Jahr alt. Besonders schwierig ge-
staltete sich damals ihre Ernährung, wie sie im Rahmen des Interviews wie-
derholt zum Ausdruck bringt. Mehrfach betont die aus bäuerlichem Milieu
stammende Frau auch, wie sehr ihr damals „angst und bang“ war. Im Kon-
text der folgenden Schilderungen zeigt sich, dass indirekt ihre Kinder zu ihrer
Vergewaltigung beitrugen. Ihretwegen, so ist sie überzeugt, war sie zu spät in
das Kellerversteck gelangt, weswegen sie nur mehr einen Platz direkt neben
der Tür einnehmen konnte. Als nun „einer mit dem Gewehr“ runterkam, for-
derte er daher ausgerechnet sie auf, mit ihm mitzugehen, ansonsten würde er
in die Luft schießen. Heute interessiert sie, was in diesem Fall passiert wäre,
ob das „etwas gemacht hätte“.19
Typisch erscheint die geschilderte Reaktion der übrigen im Keller ver-
steckten Personen. Keiner traute sich einzugreifen, wohl aus Angst, erschos-
sen zu werden oder die Aufmerksamkeit des Rotarmisten auf sich selbst zu
lenken. Im Gegenteil, sie verlangten von der damals 31-jährigen Frau, sich
nicht zu widersetzen: „;Rosl, geh mit, Rosl, geh mit!‘, haben sie alle geschri-
en“, betont sie. Selbst ihre Mutter redete ihr zu: „Gib her das Kind und geh
mit, wenn es anders nicht geht.“20
19 OHI, Rosa K. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. O. O. 4.4.2007. Bei dem Interview waren au-
ßerdem der Sohn und die Ende 1945 nach einer Vergewaltigung geborene Tochter anwesend, die
sich mehrfach in das Interview einschalteten.
20 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918