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1. Die Schattenseite 473
getraut.“ Als gefährlich wertet sie die Rückkehr zu ihrer Familie, die sie ohne
Geleitschutz absolvieren musste: „Geholt hat er mich schon, aber zurück al-
lein. […] Alles voll mit Russen. Die Mutter hat schon gewartet auf mich. Hat
geglaubt, jetzt komm ich nicht mehr heim.“ Diese Passage schließt sie mit
den Worten: „Und die Kinder haben nichts zum Essen gehabt“, wodurch sie
neuerlich ihrer Verantwortung für das Überleben ihrer Familie Ausdruck
verleiht.23
Im Endeffekt, so ihr Resümee, hätten sie noch Glück gehabt: „Was wir
Glück gehabt haben. Ist meinen Kindern nichts passiert, ist mir nichts passiert
– soweit halt – und der Vater ist heimkommen vom Krieg, ist nichts passiert.
Außer das Malheur halt ist gewesen.“ Damit spricht sie erstmals die unge-
wollte Schwangerschaft an. Alle anderen vergewaltigten Frauen des Dorfes
wären „der Reihe nach zum Arzt gegangen“. Doch ihre Mutter wäre aus re-
ligiösen Gründen strikt gegen eine Abtreibung gewesen: „‚Ja nicht, ja nicht‘,
hat die Mutter gesagt, ‚das wär eine Sünde. Ja nicht.‘“ Die zu Silvester 1945
geborene Tochter Anna E. kommentiert diese Entscheidung: „Ist eh gut, sonst
wär ich nicht.“ Als sie mehr über ihren Vater erfahren möchte, antwortet die
Mutter: „Ob das der Vater von dir ist, das weiß ich ja nicht. Ich kann es dir
nicht sagen. Weil in G., da hab ich ja auch mitmüssen“, wodurch sie weitere
Vergewaltigungen am zweiten Zufluchtsort anspricht.24
In diesem Zusammenhang thematisiert Rosa K. aber auch ihre große
Angst vor der Reaktion ihres Mannes, der 1945 als vermisst galt und schließ-
lich zu Ostern 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Schließ-
lich wurde vor dem Hintergrund der Moralvorstellungen der 1940er Jahre
ein uneheliches Kind als große Schande betrachtet: „Vorm Mann hab ich
mich am meisten gefürchtet. Was wird denn er sagen? Dabei hat er gar nichts
gesagt. Hat es eh gewusst. Hat eh alles gewusst. Dass wir noch gelebt haben.“
Daraufhin wird sie von der Tochter, die aufgrund der Ablehnung seitens ih-
res Ziehvaters zu Pflegeeltern kam, gefragt: „Wieso hast mich dann hergege-
ben, wenn er nichts gesagt hat?“ Rosa überhört ihre Frage und konzentriert
sich erneut auf die Rückkehr ihres Mannes: „Er hat alles gewusst. Ich hab gar
nicht viel geredet. Er hat nicht gesagt, was er mitgemacht hat, und ich hab
nicht gesagt, was ich mitgemacht hab. Er hat eh alles gewusst.“25 Über die
schwere Zeit während des Krieges, so ihre Interpretation, brauchte man nicht
zu reden, da war alles klar. Auch wollte sie anscheinend den heimgekehrten,
militärisch besiegten Mann nicht verletzen. Das Schweigen des Ehemannes,
23 Ebd.
24 Ebd.
25 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918