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1. Die Schattenseite 477
die Frau während des Eingriffes, anscheinend wegen einer Verwechslung
des Narkosemittels. Die beiden Jungmediziner zerstückelten daraufhin ihre
Leiche, „um die Spuren ihres Tuns zu verwischen“, und steckten sie in einen
Koffer oder einen Rucksack, um sie von der Wiener Reichsbrücke in die Do-
nau zu werfen. Da jedoch Blut aus dem Gepäckstück tropfte, wurde ein Poli-
zist auf sie aufmerksam. Er vermutete eine verbotene geheime Schlachtung.
Das lapidare Resümee der Arbeiter-Zeitung lautete dazu: „Es war der § 144,
der sie dazu trieb.“35
1.2.1. Schwangerschaftsabbrüche als Folge von Liebesbeziehungen
Abtreibungen wurden allerdings nicht nur nach Vergewaltigungen, son-
dern auch im Rahmen freiwilliger Liebesbeziehungen mit sowjetischen Be-
satzungssoldaten durchgeführt. Teilweise befürworteten die betroffenen
Armeeangehörigen einen Schwangerschaftsabbruch und unterstützten den
Eingriff auch finanziell.36 Nicht immer konnten sie sich aber durchsetzen,
wie das folgende Beispiel zeigt. So beschreibt die 1950 in Niederösterreich
geborene Viktoria S. die Reaktion ihres sowjetischen Vaters, als er von der
Schwangerschaft seiner österreichischen Freundin erfuhr, als wenig eupho-
risch: „Da er natürlich nicht sehr begeistert war, dass meine Mutter schwan-
ger war und ihr eine Abtreibung vorgeschlagen hatte, war er bereit, sie in die
russische Botschaft nach Wien wegen einer Arbeitssuche zu schicken. Was sie
aus irgendeinem, mir unbekannten Grund nicht tat. Danach hatte sie keinen
Kontakt mehr mit ihm.“37
Bianca H., die eine längere Beziehung mit einem höheren sowjetischen Of-
fizier in Wien hatte, ließ hingegen illegal eine Abtreibung vornehmen. Aus-
schlaggebend war der Plan, später gemeinsam in die USA auszuwandern. Sie
erinnert sich daran: „Ja, ich war schwanger. Er wollte – wir haben damals ein-
fach eine Abtreibung gemacht, weil was hätten wir gemacht mit einem Kind?
Ich mein, weil fliehen – wir haben überhaupt nichts können. Ja, ich hab eine
Abtreibung [vornehmen lassen]. Wir hätten sicher Kinder dann bekommen.“
Die Schwangerschaftsunterbrechung nahm in ihrem Fall ein praktischer Arzt
vor, den sie dafür mit Naturalien bezahlte: „Ich hab einen guten Arzt gehabt,
also ich mein. Gegeben haben die Leute damals alles. […] Er hat nie mehr
nachher eine Abtreibung gemacht. Ich habe den Arzt noch jahrelang gekannt,
35 J. S., Der unerbittliche Paragraph; Susanne Krejsa, Elektronische Nachricht an Wolfram Dornik.
23.8.2004.
36 OHI, Egor Isaev. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Moskau 6.6.2007.
37 Viktoria S., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 1.7.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918