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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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das war ein ganz ein normaler praktischer Arzt. Aber in der Zeit war ja nichts
normal. […] Ja, das war verboten.“38
1.3 Geschlechtskrankheiten und Prostitution
In der Roten Armee stellten – wie in jeder Armee – Geschlechtskrankheiten
ein zentrales Problem dar, schwächten sie doch die Moral und Kampfkraft
der Truppen. Bereits während des Krieges nahm die Zahl an Syphiliserkran-
kungen sprunghaft zu, nachdem schon zuvor die Wehrmacht in den besetz-
ten Gebieten zur Ausbreitung von Infektionen beigetragen hatte. Diese Stei-
gerung ging jedoch nur bis zu einem gewissen Grad auf die Invasion und
anschließende Wiedereinnahme zurück. Daneben spielte auch die sowje-
tische Einstellung zur Sexualität eine Rolle. Denn weder betrieb die Armee
Aufklärung, noch stellte sie Präservative zur Verfügung. Venerisch Erkrankte
behandelte man wie Verräter, denen als Strafe für ihr „unmoralisches Ver-
halten“ teilweise sogar die nötigen Arzneimittel vorenthalten wurden. Die
Angst der Männer, nach einer Infektion bestraft zu werden, führte ab 1943
vermehrt zu Suiziden.39
Mit der Besetzung Deutschlands und Österreichs wurden Geschlechts-
krankheiten zu einer regelrechten „Volksseuche“. Wie der berühmte britische
Spielfilm „Der dritte Mann“ eindrucksvoll zeigt, war das erst gegen Ende des
Zweiten Weltkrieges entwickelte Penizillin rar und teuer. Sowjetischen Mili-
tärärzten stand dieses erste gegen den bakteriellen Syphiliserreger Trepone-
ma pallidum wirksame Mittel bis Anfang 1946 kaum zur Verfügung. Doch
auch nachdem die Sowjets selbst mit der Herstellung von Penizillin begon-
nen hatten, war es nur für besonders gravierende Fälle erhältlich.40
Anfangs brandmarkten die Sowjets gerade Syphilis als eine „bürgerliche“
Krankheit, bezeichnend für die „moralische Minderwertigkeit“ des Westens.
Dahinter stand die Überlegung, Ausländerinnen wären eine „epidemiologi-
sche Waffe“ in den Händen des Feindes.41 Eine einzige Frau, warnte man die
Soldaten, konnte ohne Weiteres 15 Rotarmisten außer Gefecht setzen.42
Dem Militärrat der 3. Ukrainischen Front spielte der NKVD in diesem Zu-
sammenhang die Information zu, dass zahlreiche sowjetische Zwangsarbei-
terinnen in Deutschland und Österreich „im Auftrag der Gestapo mit veneri-
schen Krankheiten infiziert worden seien, um diese unter Militärangehörigen
38 OHI, Bianca H.
39 Merridale, Iwans Krieg, S. 266f.
40 Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 125.
41 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 433.
42 Sander – Johr, BeFreier und Befreite, S. 121.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918