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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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folgender Fall: „Am 10. September 1945 hatte Sergeant I. S. Faustov“, der
pikanterweise für die Abholung seines Parteibuches in eine größere Stadt
gefahren war, „mit einer zufällig getroffenen Frau Geschlechtsverkehr und
erkrankte an Gonorrhö“.47
Diese Sicht ist zum Teil bis heute verbreitet. So meint etwa Evgenija Tjuki-
na, die 1945 als Leutnant des medizinischen Dienstes in Österreich stationiert
war, auf die Frage nach Liebesbeziehungen zwischen sowjetischen Militäran-
gehörigen und einheimischen Frauen: „Vielleicht war das sogar gefährlich,
denn es gab alle möglichen Krankheiten. Ich sage nicht, dass es verboten ge-
wesen wäre. Sie fürchteten sich einfach mehr vor Krankheiten, venerischen,
und deswegen waren sie sehr vorsichtig.“48
Doch hatten auch die betroffenen sowjetischen Armeeangehörigen mit
Strafen zu rechnen. Laut Major Boris Markus stufte die Militärführung die
Erkrankung an einer Geschlechtskrankheit gleich ein wie Selbstverstümme-
lung. Auch er berichtet von eigens eingerichteten Spitälern: „Und plötzlich
wurde das Spital von einem chirurgischen, da wir ja kämpften, in ein veneri-
sches Spital umgewandelt! Und diese Mädchen, Krankenschwestern, die sich
mit uns trafen, wir umwarben sie, das gab es alles, Tänze, alles, sagten: ‚Also
gut, unserer ist verletzt, wir müssen ihn heilen: der eine bekommt einen Gips,
der andere einen Verband. Aber da kommen unsere Soldaten mit venerischen
daher!‘ sagen sie, ‚Wo kriechen sie denn hin? Was brauchen sie?‘ […] Unsere
Aufklärung sagte uns, dass man sich laut Angaben der Kommandantur […]
in der Stadt leicht anstecken kann. Verstehen Sie, das ist ein Problem für uns
Offiziere, Kommandeure. Das war etwas Ernstes. Wir mussten sie bewahren,
das ist ja ein ČP [Notstand]. Außerdem wurde es, wenn sich jemand infizier-
te, wie Selbstverstümmelung gesehen. Wenn jemand krank wurde, das ist
wie Selbstverstümmelung. Man konnte dafür vor Gericht kommen. Das war
eine schwierige Sache. Das gab es in Österreich und auch in Ungarn.“49
Bereits während des Krieges hatte eine britische Informationskampagne
vor sexuellen Kontakten mit „leichten Frauen“ gewarnt. Diese wurden etwa
auf einem Plakat von 1943 mit der Aufschrift „VD. Hello boy friend, coming
MY way?“ als Totenschädel mit rosa Hut vor schwarzem Hintergrund sym-
bolisiert. Darunter stand die Aufforderung, sich gegebenenfalls umgehend
medizinisch behandeln zu lassen – kostenlos und vertraulich: „The ‚easy‘
girl-friend spreads Syphilis and Gonorrhoea, which unless properly treated
47 RGVA, F. 38756, op. 1, d. 63, S. 113–128, hier: S. 120, Bericht des Kommandeurs des 40. Schützenre-
giments, Oberstleutnant Chorošev, über den politisch-moralischen Zustand, die Disziplin und die
parteipolitische Arbeit im Regiment im 3. Quartal 1945, 23.9.1945.
48 OHI, Evgenija Tjukina. Durchgeführt von Nataľja Bakši. Rostov 1.3.2003.
49 OHI, Boris Markus. Durchgeführt von Oľga Pavlenko. Moskau 14.2.2003.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918