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1. Die Schattenseite 483
Umsetzung dieses Befehls ist allerdings nicht bekannt. Unterdessen wurde auch
in den eigenen Reihen ein „konsequenter Kampf gegen die Urheber der Anste-
ckung“ gefordert, die der Sanitätsdienst der Truppen „unverzüglich mit einer
Kennzeichnung“ versehen und noch „an Ort und Stelle“ untersuchen sollte.57
Wenig überraschend versuchten einige der an dieser „schändlichen Er-
scheinung“ erkrankten Soldaten, sich durch Desertion der drohenden Bestra-
fung und Stigmatisierung zu entziehen.58 Andere verübten Einbrüche, um an
Medikamente zur Behandlung ihrer Krankheit zu gelangen,59 oder zwangen
österreichische Ärzte, ihnen die notwendigen Mittel zu geben. Beispielsweise
notierte Dr. Grösswang, der Hunderte an Geschlechtskrankheiten leidende
österreichische Frauen behandelte, am 15. Mai 1945 in sein Tagebuch: „Es war
höchste Zeit für die Patienten, mit der Behandlung der Gonorrhö (Tripper)
zu beginnen, es kamen immer mehr. […] Die Behandlungen waren zeitauf-
wendig, da man ja keine Pillen geben konnte. Sulfonamide waren so kostbar
damals, dass manchmal auch das Leben daran hängen konnte. Hatte man es
irgendwoher (Apotheke, Packerl aus Wien) endlich bekommen, musste man
diesen Schatz verstecken wie heimliches Gold. Denn es gab immer wieder
unerwarteten Besuch in der Ordination von Uniformierten, die unbedingt
das neue Wunder-Mittel haben wollten (‚Sulfidin jest?‘ [‚Gibt es Sulfidin?‘],
war die Frage danach). Und wenn es der Herr Oberst erpresst hatte, wollte es
auch die begleitende Charge. Alle waren mit demselben Leiden befallen. Und
oft wurde mit der Pistole herumgefuchtelt.“60
Jene, die sich bereits mehrfach infiziert und einer Behandlung entzogen
hatten, sollten daher zur Verantwortung gezogen werden. Zur besseren Kon-
trolle über die Mannschaften verlangte man, nach der Rückkehr von abkom-
mandierten Einheiten und Streifendiensten eine verpflichtende medizinische
Untersuchung der zurückgekehrten Personen auf ansteckende Formen von
Geschlechtskrankheiten vorzunehmen.
Offenbar zeichnete sich die Haltung der sowjetischen Stellen gegenüber
venerischen Krankheiten in den eigenen Reihen nicht durch ein besonderes
Maß an Aufklärung aus. Die betroffenen Soldaten fürchteten sich vor Bestra-
fung, wenn die eigenen Ärzte bei ihnen eine Geschlechtskrankheit diagnosti-
57 Ebd.
58 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.6 „Desertion, eigenmächtiges Entfernen und Suizid“ in diesem
Band.
59 RGVA, F. 32910, op. 1, d. 42, S. 272–276, Bericht des stv. Kommandanten des 25. NKVD-Grenzre-
giments, Oberstleutnant Černyšev, und des Chefs des Regimentsstabes, Major Logvinov, über den
Dienst des Regiments im Juli 1945 [August 1945]. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in
der Steiermark, Dok. Nr. 127.
60 AdBIK, Sammlung Friedrich Grösswang. Ich danke Herrn Obermedizinalrat Dr. Friedrich Gröss-
wang, Hinterbrühl, herzlich für die Bereitstellung eines Auszuges aus dem Tagebuch seines Vaters.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918