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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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1. Die Schattenseite 485 Bezeichnend für das System gegenseitiger Überwachung und gegenseiti- gen Misstrauens war auch, dass die Verantwortung für jeden an Gonorrhö oder Syphilis leidenden Soldaten den Ärzten persönlich übertragen wurde. Die Kommandanten des 25. und 91. Grenzregiments, in denen die Quote ve- nerischer Erkrankungen überdurchschnittlich hoch war, forderte man zur unverzüglichen „Ergreifung von Maßnahmen zur Beseitigung dieser schänd- lichen Erscheinungen“ auf. Außerdem sprach man offenbar den jeweiligen Leitern der Sanitätsdienste der Grenzregimenter zumindest eine Mitschuld zu – sie erhielten für die hohe Quote an Geschlechtskrankheiten in ihrem Zu- ständigkeitsbereich einen Verweis bzw. eine dreitägige Ausgangssperre.64 Problematisch war sicherlich, dass unter den Militärangehörigen selbst zunächst kein ausgeprägtes Sensorium für Geschlechtskrankheiten vorhan- den war. Dem versuchte man durch einschlägige Aufklärungsarbeit über die Gefahren einer Ansteckung und notwendige Hygienemaßnahmen – beson- ders bei bereits erfolgter Infektion – entgegenzuwirken. Ärzte und Feldscher hatten regelmäßig für organisierte Gespräche zur Verfügung zu stehen. Ty- pischerweise forderte man auch in diesem Zusammenhang, die „kulturelle, erzieherische und aufklärende Arbeit mit dem gesamten Mannschaftsstand unserer Truppen auf das entsprechende Niveau zu heben, entsprechende Lebensbedingungen für die Soldaten zu schaffen und deren Freizeit umfas- send und kreativ zu gestalten“. Dies sollte, hieß es unmissverständlich, „den Mannschaftsstand von Kontakten mit der örtlichen Bevölkerung, bei denen oftmals Geschlechtskrankheiten übertragen werden“, abhalten.65 Wie sehr diese Maßnahmen de facto griffen, bleibt offen. Die Politabteilung der MVD- Truppen beobachtete allerdings im dritten Quartal 1946, dass dank der „pro- phylaktisch-therapeutischen und aufklärerischen Maßnahmen“ die Zahl der venerischen Erkrankungen in Österreich stark zurückgegangen sei.66 pen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberstleutnant Golovachin, an den Kommandanten des 17. NKVD-Grenzregiments über die gynäkologische Untersuchung der Frauen im Regiment, 12.5.1945. 64 RGVA, F. 38650, op. 1, d. 1222, S. 193–199, hier: S. 198, Bericht des Leiters der MVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Zimin-Kovalev, und des Leiters der Politabteilung der MVD- Truppen zum Schutz des Hinterlandes der CGV, Šukin, über den politisch-moralischen Zustand und die militärische Disziplin unter den MVD-Truppen im 3. Quartal 1946, 10.10.1946. 65 RGVA, F. 32904, op. 1, d. 191, S. 84–86, Anordnung des Chefs der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, und des Leiters des Sanitätsdienstes, Oberstleutnant Golovachin, an den Kommandanten des 17. NKVD-Grenzregiments über den Um- gang mit Geschlechtskrankheiten, 10.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 34. 66 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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