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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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1.3.2 Österreichische Konsequenzen
Bemerkenswerterweise kommt in all diesen NKVD-Anordnungen der zen-
trale Grund für die sprunghafte Zunahme von Geschlechtskrankheiten – zu-
mindest unter der örtlichen Bevölkerung – nicht zur Sprache: die Vergewal-
tigungen. Dabei korrelierte die Zahl der Übergriffe mit dem rasanten Anstieg
von venerischen Krankheiten zu Kriegsende und deren sukzessiver Abnah-
me danach zumindest zu einem gewissen Grad. So meldete Niederösterreich
für 1945 insgesamt 47.000 Neuzugänge an Gonorrhö (von 70.000 in ganz
Österreich). Das statistische Jahrbuch der Stadt Wien registrierte für 1945 in
Wien 2092 Geschlechtskranke, 1946 sank ihre Zahl auf 1762, und 1947 waren
es noch 1253 Fälle.67
Auch die sowjetische Besatzungsmacht beobachtete das Auftreten von
Infektions- und Geschlechtskrankheiten unter der Zivilbevölkerung in ihrer
Zone genau. Für Juli und August 1947 gab sie einen Rückgang von Ruhr und
Scharlach sowie keinen einzigen Fall von Flecktyphus an. Hingegen blieb die
Häufigkeit von Diphtherie, Syphilis und Gonorrhö unverändert, während
Neuerkrankungen an Tuberkulose – auch mit tödlichem Ausgang – weiter-
hin zunahmen. Demnach stieg innerhalb von zwei Monaten die Zahl der re-
gistrierten Neuzugänge bei Syphilis von 14 auf 36 Fälle und bei Gonorrhö
von 30 auf ebenfalls 36 Fälle.68
Neben Vergewaltigungen trugen auch Infektionen durch heimgekehrte
Wehrmachtssoldaten und die Zunahme von diversen Formen der Prosti-
tution zur Ausbreitung von venerischen Krankheiten bei. Besonders in der
Umgebung von Kasernen, aber auch in Tanzklubs, Bars, Cafés und ande-
ren Lokalen, die Besatzungssoldaten frequentierten, kam es zu Prostitution.
Dieses Phänomen scheint beinahe eine unvermeidbare Selbstverständlich-
keit der „Männerklubatmosphäre“ in der Armee gewesen zu sein.69 Hierbei
lassen sich vor dem Hintergrund der materiellen Asymmetrien zwischen
Besatzungssoldaten und einheimischen Frauen die Grenzen zwischen Frei-
willigkeit und Zwang nicht immer eindeutig ziehen. Das Schlagwort „Über-
lebensprostitution“, das Beschaffen etwa von Lebensmitteln oder Zigaretten
im Austausch für Sex, wurde in diesem Zusammenhang geprägt.70 Man kann
67 Marianne Baumgartner, Vergewaltigungen zwischen Mythos und Realität. Wien und Niederös-
terreich im Jahr 1945, in: Frauenleben 1945. Kriegsende in Wien. Wien 1995, S. 59–73, hier: S. 64f.;
Dornik, Besatzungsalltag in Wien, S. 461f.
68 RGASPI, F. 17, op. 128, d. 305, S. 24–43, hier: S. 35, Bericht des Leiters der Abteilung für Soziales der
SČSK, A. Pigin, über die Tätigkeit der Abteilung im Juli und August 1947, 3.9.1947.
69 Bauer – Huber, Sexual Encounters across (Former) Enemy Borderlines, S. 83.
70 Irene Bandhauer-Schöffmann – Ela Hornung, Von der Trümmerfrau auf der Erbse. Ernährungssi-
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918