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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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ner eventuell annahmen.75 Umso mehr vermutete Moskau allerorten Spione
bzw. Spioninnen des Westens,76 weswegen Liebesbeziehungen mit Auslän-
derinnen stets als Sicherheitsrisiko galten. Immer wieder erfolgten Verhöre,77
aber auch Verhaftungen von Österreicherinnen, die ein Liebesverhältnis mit
einem sow jetischen Besatzungsangehörigen hatten. Hier fielen traditionelle
stalinistische Denkmodelle und Feindbilder auf den fruchtbaren Boden des
Kalten Krieges.
Ein typisches Beispiel hierfür ist der folgende NKVD-Lagebericht vom
Dezember 1945. Der britische Geheimdienst habe, hieß es darin, „eine kleine
Zahl von Agenten aus den Reihen angeworbener österreichischer Mädchen
und Frauen in die Zone der sowjetischen Truppen mit folgender Aufgabe ge-
schleust: Eruierung der Stationierung, Truppenstärke und Bezeichnung der
militärischen Einheiten der Roten Armee“.78 Schließlich stellten diese Anga-
ben im Kalten Krieg eine wichtige Information dar. Ihrerseits waren die sow-
jetischen Streitkräfte bestens über die Stationierung der westalliierten Trup-
pen in Europa im Bilde.79
Die Bekanntschaft mit ausländischen Frauen brachte aus sowjetischer Sicht
noch eine weitere Gefahr mit sich. So würde etwa eine Bande ehemaliger Ge-
stapomitglieder in Wien mit ihrer Hilfe Terrorakte auf Rotarmisten verüben.
„Zur Erreichung ihres Ziels verwendet die Bande vielfach Frauen, die Offizie-
re an den Stadtrand, in den Wald oder in Wochenendhäuser locken müssen.“80
Bezeichnenderweise fiel auch auf ehemalige sowjetische Zwangsarbeite-
rinnen, die ins „Dritte Reich“ verschleppt worden waren, der Verdacht anti-
75 Vgl. dazu das Faksimile in: Ėntoni Rods, Propaganda. Plakaty. Karikatury. Kinofiľmy Vtoroj miro-
voj vojny 1939–1945. Moskau 2008, S. 124.
76 Vgl. Harald Knoll – Dieter Bacher, Nachrichtendienste und Spionage im Österreich der Besatzungs-
zeit, in: Stefan Karner – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Stalins letzte Opfer. Verschleppte und erschos-
sene Österreicher in Moskau 1950–1953. Unter Mitarbeit von Daniela Almer, Dieter Bacher und
Harald Knoll. Wien – München 2009, S. 157–168.
77 Beispielsweise berichtete Renate M., ihre Mutter wäre von einem sowjetischen Offizier verhört
worden. Außerdem wäre von ihr dabei ein Foto angefertigt worden. Vgl. Renate M., Freundliche
Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Wien 29.9.2008.
78 RGVA, F. 32906, op. 1, d. 33, S. 76f., Lagebericht Nr. 00350 des Kommandeurs des 37. NKVD-Grenz-
regiments, Oberst Jaroslavskij, und des Stabsleiters, Major Pavluškin, 20.12.1945.
79 Vgl. dazu etwa den ausführlichen Bericht in: CAMO, F. 894, op. 1, d. 90, S. 27–44, Bericht des Lei-
ters der Geheimdienstabteilung des 31. Garde-Schützenkommandos, Garde-Oberstleutnant Var-
lamov, über die Gruppierung der alliierten Truppen in Europa per 21. September 1945 [nach dem
21.9.1945]. Vergleichbare Geheimdienstberichte über die westalliierten Besatzungstruppen in Öster-
reich finden sich im selben Bestand.
80 RGVA, F. 32910, op. 1, d. 37, S. 220, Bericht des Stabsleiter der NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, an den Kommandeur des 25. NKVD-
Grenzregiments über den Einsatz von Frauen zur Verübung von Terrorakten an Rotarmisten,
23.5.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918