Page - 494 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 494 -
Text of the Page - 494 -
II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
494
für einen Übergang in die amerikanische Besatzungszone zu gewinnen. Zu
diesem Zweck warb er mit dem Einverständnis Jersey-Werners die österrei-
chischen Bürgerinnen Swirak Gerda und Redman Albina an, die Bekannt-
schaften mit sowjetischen Offizieren knüpften und versuchten, zwei Offiziere
zum Heimatverrat zu bewegen, jedoch erzielte ihre Arbeit keine positiven
Resultate“, fasste das Oberste Gericht der UdSSR den Fall zusammen.103 Ob-
wohl Berényis Spionageaktivitäten ebenso wie seine Versuche, sowjetische
Soldaten zum Desertieren zu bewegen, ergebnislos geblieben waren, wurde
er am 30. Mai 1951 wegen des Vorwurfs der Spionage für Großbritannien und
die USA zum Tod durch Erschießen verurteilt. Die Hinrichtung wurde An-
fang August 1951 in Moskau vollstreckt. Die russische Militärstaatsanwalt-
schaft rehabilitierte den gebürtigen Ungarn 1998 posthum.104 Redman war
bereits zuvor am 7. Oktober 1950 wegen Spionage zu 25 Jahren ITL verurteilt
worden. Sie verstarb am 13. November 1951 in sowjetischer Haft.105
Wie diese Fälle zeigen, gesellte sich zum Verdacht antisowjetischer Spi-
onage noch häufig der Vorwurf, sowjetische Armeeangehörige zur Deserti-
on verführt – oder dies zumindest versucht – zu haben. Auf dieses Delikt
standen mindestens langjährige Freiheitsstrafen, wie der Fall von Ingeborg
Louzek zeigt, in Kombination mit Spionage aber auch der Tod.106 Beispiels-
weise verurteilte das Militärtribunal der Zentralen Gruppe der Streitkräfte
am 5. Mai 1948 Johanna Tscharnuter zu 15 Jahren Besserungsarbeitslager.
Ihre Schuld bestand angeblich darin, im Auftrag des amerikanischen Ge-
heimdienstes „sowjetische Militärangehörige zum Vaterlandsverrat“ bewegt
zu haben. Zum Artikel 58-6 („Spionage“) gesellte sich daher auch der Artikel
58-1b („Vaterlandsverrat“). Drei Jahre später stufte sie das sowjetische Minis-
terium für Staatssicherheit als „besonders gefährliche Staatsverbrecherin“ ein
und veranlasste ihre Überstellung von einem MVD-Sonderlager in ein MGB-
Sondergefängnis.107
Die zum Tod verurteilte Wienerin Hermine Rotter schätzte daher die Lage
völlig falsch ein, als sie in ihrem Gnadengesuch – gleichsam als Milderungs-
grund – ihre Beziehung zu einem sowjetischen USIA-Mitarbeiter betonte: „Er
103 GARF, F. 7523, op. 76, d. 31, S. 138–140, hier: S. 139, Stellungnahme des Obersten Gerichts zum
Gnadengesuch von Georg Berényi, 30.6.1951.
104 Petschnigg, Stimmen aus der Todeszelle, S. 316.
105 Albina Redman, geboren 1906 in Bruck a. d. Leitha, wurde am 15. April 1999 von der Hauptmilitär-
staatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitiert. Vgl. GVP, K-101047, Rehabilitierungsbe-
scheid Albina Redman, 15.4.1999; AdBIK, Datenbank verurteilter österreichischer Zivilisten in der
UdSSR.
106 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.2.6.7 „Bestrafung der Fluchthelfer“ in diesem Band.
107 RGVA, F. 461p, d. 190518, S. 1–32, hier: S. 10, Personalakt Johanna Tscharnuter, Beschluss über die
Überstellung in ein Sondergefängnis des MGB der UdSSR, 1.10.1951.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918