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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 499
Durch den beinahe flächendeckenden Einsatz der Besatzungssoldaten in
Ostösterreich ergaben sich unzählige Gelegenheiten, einheimische Frauen
kennenzulernen: bei Theaterbesuchen, bei Tanzveranstaltungen, am Markt,
bei der Arbeit, in Privatquartieren oder etwa im Garten. Naturgemäß ent-
standen an den Stationierungsorten der Truppen besonders viele Beziehun-
gen. Baden bei Wien, wo sich das Hauptquartier der Zentralen Gruppen der
Streitkräfte befand, dürfte in diesem Zusammenhang der absolute „Spitzen-
reiter“ gewesen sein. Aber auch in Wien gab es besonders zahlreiche An-
knüpfungspunkte.
2.1.1 Sicht der Frauen
Die damals 20-jährige Bianca H. erinnert sich, wie sie Georgij Elizarov auf
dem Schwarzmarkt im Wiener Resselpark traf. Seine ausgezeichneten
Deutschkenntnisse erweckten umgehend ihre Aufmerksamkeit: „Das war
eigentlich ganz einfach. Meine Mutter wollte irgendetwas vom schwarzen
Markt, und der war im Resselpark im vierten Wiener Gemeindebezirk. Und
da bin ich hin – ich kann heute nicht mehr sagen, was sie wollte –, [sie] mein-
te, ich sollte das besorgen. Und da war ein russischer Offizier, in einer ganz
gewöhnlichen Uniform, man hat nur gesehen, das war eine Felduniform.
Und der ist überall stehen geblieben und hat gesagt: ‚Nein, das ist zu teuer!
Und Sie sind zu billig!‘ Und man hat gesehen, er spricht perfekt Deutsch. Und
da sind wir ins Reden gekommen. So haben wir uns kennengelernt.“121
Diese Schilderung verdeutlicht zwei der wesentlichsten Faktoren, die sow-
jetische Besatzungsangehörige in den Augen einiger Österreicherinnen inte-
ressant machten: einerseits die häufig als attraktiv empfundenen Uniformen,
andererseits die – vielfach nicht erwartete – Kultiviertheit und Bildung sowje-
tischer Militärs. Dieses Merkmal sprang umso mehr ins Auge, als es dem von
der NS-Propaganda geprägten Feindbild des slawischen „Untermenschen“
diametral entgegenstand. So finden sich in den Berichten einiger Zeitzeugin-
nen Hinweise auf ausgezeichnete Deutschkenntnisse, gute Manieren und ein
hohes Bildungsniveau. Gerade bei Offizieren lag ihre soziale Herkunft viel-
fach über jener ihrer österreichischen Freundinnen.
Analog dazu erinnert sich auch die 1923 geborene Romana Steinmetz,
die 1946 eine geheime Liaison mit Pavel Denisov, einem sowjetischen Nach-
schuboffizier in Baden, einging: „Wie gesagt, er war ganz anders als die an-
deren. Was man so gehört hat immer. Ich habe ja nur mit ihm Verbindung
gehabt, mit sonst habe ich ja niemand Verbindung gehabt. Ich war ja eigent-
121 OHI, Bianca H.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918