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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 501
nen, betont sie in diesem Zusammenhang. Dies stellte keinen Einzelfall dar.
Mit dieser Strategie versuchten manche Österreicherinnen, sich das patriarcha-
lische Besitzprinzip zunutze zu machen, indem die von einem ranghöheren
Mann beschützte Frau für andere unantastbar wurde oder werden sollte.123
Bezeichnend ist zudem der Kontext, in dem sich Steinmetz und Denisov
kennenlernten. Romana Steinmetz leitet diese Episode mit einer Schilderung
ihrer schlechten Versorgungslage nach Kriegsende ein: „Ja, sag ich, wir ha-
ben nichts zu essen; zum Tauschen haben wir auch nichts. Und die Mama ist
schon gelegen im Bett, und die Frau sagt zu mir: ‚Na, weißt was, ich frag den
Magazinär ob du, ob wir dich mitbringen können.‘ Sag ich ‚Ja‘. Und er: ‚Ja,
wir müssen im Keller Erdäpfel ausgraben in der Kaserne. Also die schlechten
weg und die guten wieder zurück.‘ Und da hat er uns eingesperrt im Keller,
ja, dass niemand uns was machen kann. Und das hab ich so nett gefunden,
und wir konnten uns dann, vier oder fünf Tage war das, und wir konnten
uns dann eigentlich dadurch, dass wir Kartoffeln in der Tasche, Kartoffeln
haben wir mitkriegt und dann noch so einen Ziegel Brot und eine Suppe.
Kaša, glaub ich, hat das geheißen. Und da hab ich dann mit meiner Mutter
gelebt davon. Aber mit den Kartoffeln konnten wir schon wieder etwas um-
tauschen, ein Mehl oder was, nicht? Ja, und der Gerhard, der ist dann später,
ja, das war im 46er-Jahr, und der Gerhard ist 47 geboren worden.“124 Nahtlos
geht sie hier von der Linderung ihrer lebensbedrohlichen Not 1946 zur Ge-
burt des gemeinsamen Sohnes Gerhard 1947 über. Eine detaillierte Schilde-
rung, wie die Beziehung entstand, bleibt hingegen aus.
Tatsächlich bildete diese „weibliche Art der Lebensmittelbeschaffung“ in
der von Hunger und Mangel geprägten Nachkriegszeit eine zentrale Überle-
bensstrategie in ganz Österreich. Die Versorgung mit Lebensmitteln – insbe-
sondere in den Ballungszentren – war nach dem Krieg zusammengebrochen,
die auf Karten ausgegebenen Rationen reichten nicht aus. Zur Sicherung der
Existenz mussten zusätzliche Ressourcen erschlossen werden, etwa durch
Hamstern, Tausch- und Schleichhandel oder eben auch durch Beziehungen
zu Besatzungssoldaten. „Einen Amerikaner zu haben, bedeutete Geborgen-
heit und keinen Hunger mehr leiden zu müssen“,125 heißt es pragmatisch in
der Ortschronik einer Salzburger Gemeinde.
Auch sowjetische Soldaten dienten häufig als Quelle dringend benötigter
Lebensmittel. Allerdings taten sich Rotarmisten im Gegensatz zu westlichen
123 Baumgartner, Vergewaltigung zwischen Mythos und Realität, S. 66; Stelzl-Marx, Freier und Befrei-
er, S. 431.
124 OHI, Steinmetz.
125 Ingrid Bauer, „Ami-Bräute“ und die österreichische Nachkriegsseele, in: Frauenleben 1945. Kriegs-
ende in Wien. Wien 1995, S. 73–84, hier: S. 77f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918