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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Die Diskriminierung einheimischer Frauen, die sich mit dem „Feind ein-
ließen“, war kein singuläres Phänomen des „Dritten Reiches“. In den Nie-
derlanden etwa warf man nach Ende der deutschen Besatzung Frauen und
Mädchen, die Beziehungen mit deutschen Soldaten eingegangen waren, „Va-
terlandsverrat“ vor. Als Strafe wurden diesen „moffenmeiden“ öffentlich die
Köpfe geschoren. Manchen malte man ein Hakenkreuz auf die noch blutende
Kopfhaut. Anschließend wurden die derart gebrandmarkten Frauen zu Fuß
oder auf einem offenen Wagen durch das Dorf bzw. die Stadt geführt.155
Analog dazu wurden nach der Befreiung auch in Frankreich rund 20.000
Frauen kahl geschoren – die eine Hälfte wegen Kollaboration mit den Deut-
schen oder Denunziation, die andere Hälfte wegen sexueller Beziehungen
zum „Feind“.156 Man klagte Letztere der „collaboration horizontale“ – der
„horizontalen Kollaboration“ – an, wofür sie öffentlich gedemütigt wurden.
Die Inszenierung dieses Phänomens lässt sich mit mittelalterlichen Schau-
prozessen vergleichen.157 Das Bild der „femmes tondues“ – der „geschore-
nen Frauen“ – blieb im kollektiven Gedächtnis Frankreichs verankert: In den
1980er Jahren gaben immerhin acht Prozent der Befragten an, primär die
„kahl rasierten Kollaborateurinnen“ mit der Befreiung Frankreichs zu assozi-
ieren.158 Hier standen weniger „rassische“ Überschreitungen als vielmehr das
nationale „Fremdgehen“ im Vordergrund. Noch heute reagieren viele Fran-
zosen empfindlich, wenn man sie an die erotischen Beziehungen im Vichy-
Regime erinnert. Doch vom gaullistischen Mythos, das gesamte Land habe
gegenüber den Besatzern trotzig Widerstand geleistet, musste man sich nicht
zuletzt wegen dieser Liebesverhältnisse wohl oder übel verabschieden.159
In Österreich wirkte – ebenso wie in Deutschland – die Vorstellungswelt
des Nationalsozialismus weit über das Kriegsende hinaus. Sexuelle Bezie-
schaft in der Retrospektive: Kontext, Entstehung und Merkmale von Dmitrij Čirovs „Unter den
Verschollenen“, in: Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Unter den Verschollenen. Erinnerungen von Dmitrij
Čirov an das Kriegsgefangenenlager Krems-Gneixendorf 1941 bis 1945. Schriftenreihe des Wald-
viertler Heimatbundes. Bd. 43. Horn – Waidhofen/Thaya 2003, S. 13–48, hier: S. 25.
155 Monika Diederichs, Stigma and Silence: Dutch Women, German Soldiers and their Children, in:
Kjersti Ericsson – Eva Simonsen (Hg.), Children of World War II. The Hidden Enemy Legacy. Ox-
ford – New York 2005, S. 151–164, hier: S. 157f.
156 Fabrice Virgili, Enfants de Boches: The War Children of France. Translated by Paula Schwartz, in:
Kjersti Ericsson – Eva Simonsen (Hg.), Children of World War II. The Hidden Enemy Legacy. Ox-
ford – New York 2005, S. 138–150, hier: S. 145. Siehe dazu unter anderem auch: Claire Duchen,
Kahlgeschorene Frauen als Sinnbild der Kollaboration. Schuld und Sühne im befreiten Frankreich,
in: Irene Bandhauer-Schöffmann – Claire Duchen (Hg.), Nach dem Krieg. Frauenleben und Ge-
schlechterkonstruktionen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Herbholzheim 2000, S. 277–298.
157 Alain Brossat, Les tondues. Un carnaval moche. Paris 1992, S. 171f.
158 Martina Gugglberger, Les femmes tondues. Geschorene Frauen in Frankreich 1944–1945. Phil. DA.
Salzburg 2001.
159 Patrick Buisson, 1940–1945 Annés erotiques: Vichy ou les infortunes de la vertu. Paris 2008.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918