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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 512 Identität tief verletzt. Sie interpretierten die Beziehungen zwischen auslän- dischen Armeeangehörigen und Österreicherinnen als Zerstörung ihrer letzten Machtposition, als Verlust „angestammter Eigentumsrechte an ‚ih- ren Frauen‘“.164 Dies wiederum stellte ihre sexuelle Potenz infrage, was eine schwerwiegende Beleidigung darstellte. Schließlich gehörte zur Ehre eines Mannes auch der makellose Ruf der Frauen, für die er sich zuständig fühlte. Es erniedrigte ihn, wenn deren Sittsamkeit in Zweifel gezogen wurde, denn der gesellschaftlich normierte Wert einer Frau bestand in Ehrbarkeit, Sittsam- keit, Keuschheit bzw. einem monogam, mit dem „richtigen“ Mann geführten Liebesleben. Die „Wir-Gruppe“ beleidigte Frauen, die eine Beziehung mit ei- nem Mann der „Ihr-Gruppe“ eingingen, als „lose Mädchen“, „Flittchen“ oder „Huren“.165 Beinahe logisch erscheint, dass dieser Konkurrenzkampf zwischen Öster- reichern und Besatzungssoldaten immer wieder in Raufereien ausartete: „In Döbling gab das Verhalten einiger Mädchen, die mit Amerikanern verkehren, Anlass zu Reibereien zwischen ansässigen Burschen und den Soldaten. Dies führte in der Folge zur Festnahme von 16 Jugendlichen durch die amerikani- sche Militärpolizei, was unter den Bewohnern des Bezirkes einiges Aufsehen erregte“,166 berichtete etwa die Polizeidirektion Wien im Herbst 1946. Auch Jurij Pentin, der bis Juli 1946 in Pregarten stationiert war, erinnert sich an die Konkurrenzsituation mit österreichischen Männern. Echte Riva- len gab es seiner Ansicht nach aber kaum – entweder waren sie zu jung oder in Gefangenschaft oder gefallen, betont der damalige Leutnant lakonisch: „Wir gingen in Pregarten tanzen, trafen uns mit den Mädchen, sie tanzten gerne, so wie auch wir, junge Leute. So. Und die Burschen litten. Sie schauten uns schief an. Aber es waren nicht so viele. Denn entweder waren sie noch zu jung, das ist die eine Sache. Und die älteren, diese waren ja entweder in Gefangenschaft, oder sie hatten gekämpft, waren gefallen und so weiter. Ich selbst wurde an der Front 19, als ich kämpfte. Nun, sie waren entweder etwas jünger oder gleich alt. Es gibt also auch diese guten, hellen Erinnerungen.“167 Besonders konfliktreich waren Beziehungen zu Besatzungsangehörigen, wenn die Frauen bereits verheiratet waren. Im Falle einer Frau aus Baden, die in einem sowjetischen Adjutanten ihre „große Liebe“ gefunden hatte, führte 164 Bauer, „Besatzungsbräute“, S. 265. 165 Ebba D. Drolshagen, Wer die Mutter verachtet, schikaniert ihr Kind, in: Wolfgang Remmers – Lud- wig Norz (Hg.), Né maudit – Verwünscht geboren – Kriegskinder. Berlin 2008, S. 156–186, hier: S. 160f. 166 ÖStA, AdR, GD für öffentliche Sicherheit, Polizeidirektion Wien, Monatlicher Lagebericht für Sep- tember 1946. Wien, 4.10.1946, S. 4. 167 OHI, Jurij Pentin. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 4.12.2002.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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