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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Identität tief verletzt. Sie interpretierten die Beziehungen zwischen auslän-
dischen Armeeangehörigen und Österreicherinnen als Zerstörung ihrer
letzten Machtposition, als Verlust „angestammter Eigentumsrechte an ‚ih-
ren Frauen‘“.164 Dies wiederum stellte ihre sexuelle Potenz infrage, was eine
schwerwiegende Beleidigung darstellte. Schließlich gehörte zur Ehre eines
Mannes auch der makellose Ruf der Frauen, für die er sich zuständig fühlte.
Es erniedrigte ihn, wenn deren Sittsamkeit in Zweifel gezogen wurde, denn
der gesellschaftlich normierte Wert einer Frau bestand in Ehrbarkeit, Sittsam-
keit, Keuschheit bzw. einem monogam, mit dem „richtigen“ Mann geführten
Liebesleben. Die „Wir-Gruppe“ beleidigte Frauen, die eine Beziehung mit ei-
nem Mann der „Ihr-Gruppe“ eingingen, als „lose Mädchen“, „Flittchen“ oder
„Huren“.165
Beinahe logisch erscheint, dass dieser Konkurrenzkampf zwischen Öster-
reichern und Besatzungssoldaten immer wieder in Raufereien ausartete: „In
Döbling gab das Verhalten einiger Mädchen, die mit Amerikanern verkehren,
Anlass zu Reibereien zwischen ansässigen Burschen und den Soldaten. Dies
führte in der Folge zur Festnahme von 16 Jugendlichen durch die amerikani-
sche Militärpolizei, was unter den Bewohnern des Bezirkes einiges Aufsehen
erregte“,166 berichtete etwa die Polizeidirektion Wien im Herbst 1946.
Auch Jurij Pentin, der bis Juli 1946 in Pregarten stationiert war, erinnert
sich an die Konkurrenzsituation mit österreichischen Männern. Echte Riva-
len gab es seiner Ansicht nach aber kaum – entweder waren sie zu jung oder
in Gefangenschaft oder gefallen, betont der damalige Leutnant lakonisch:
„Wir gingen in Pregarten tanzen, trafen uns mit den Mädchen, sie tanzten
gerne, so wie auch wir, junge Leute. So. Und die Burschen litten. Sie schauten
uns schief an. Aber es waren nicht so viele. Denn entweder waren sie noch
zu jung, das ist die eine Sache. Und die älteren, diese waren ja entweder in
Gefangenschaft, oder sie hatten gekämpft, waren gefallen und so weiter. Ich
selbst wurde an der Front 19, als ich kämpfte. Nun, sie waren entweder etwas
jünger oder gleich alt. Es gibt also auch diese guten, hellen Erinnerungen.“167
Besonders konfliktreich waren Beziehungen zu Besatzungsangehörigen,
wenn die Frauen bereits verheiratet waren. Im Falle einer Frau aus Baden, die
in einem sowjetischen Adjutanten ihre „große Liebe“ gefunden hatte, führte
164 Bauer, „Besatzungsbräute“, S. 265.
165 Ebba D. Drolshagen, Wer die Mutter verachtet, schikaniert ihr Kind, in: Wolfgang Remmers – Lud-
wig Norz (Hg.), Né maudit – Verwünscht geboren – Kriegskinder. Berlin 2008, S. 156–186, hier:
S. 160f.
166 ÖStA, AdR, GD für öffentliche Sicherheit, Polizeidirektion Wien, Monatlicher Lagebericht für Sep-
tember 1946. Wien, 4.10.1946, S. 4.
167 OHI, Jurij Pentin. Durchgeführt von Natal’ja Bakši. Moskau 4.12.2002.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918