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2. Liebesbeziehungen und ihre Folgen 523
sen der Uniformen „viele Soldaten und Offiziere der Einheit mit Namen und
Rang“ kennen und genoss deren Vertrauen. Am 3. Juli 1945 verübte sie „aus
unbekannten Gründen“ einen Selbstmordversuch, wurde aber rechtzeitig
von Peretjat’ko gefunden und ins Spital gebracht.203
Zwei Monate später nahm die Spionageeinheit des 3. Bataillons der
NKVD-Truppen die 22-jährige Frau fest und entlarvte sie angeblich „als
Agentin des deutschen Spionageabwehrorgans Gestapo“. Als Resümee dazu
führte der Leiter der Politabteilung des 336. NKVD-Grenzregiments an: „Die
zufällige Bekanntschaft von Oberstleutnant Peretjat’ko mit politisch fragwür-
digen Frauen passierte als Folge seiner sexuellen Haltlosigkeit, der Verrot-
tung seiner politischen Vorsicht.“ Folglich könne der Oberstleutnant, der zu-
vor in einem Strafbataillon gedient hatte, „nicht [mehr] in den Grenztruppen
eingesetzt werden“. Mit seinem Fall befasste sich daraufhin die Abteilung
„Smerš“ des NKVD, die auch über weitere Strafmaßnahmen entschied. Au-
ßerdem führte die Politabteilung aus gegebenem Anlass eine Besprechung
zum Thema „Über die Steigerung der politischen Wachsamkeit“ durch.204
Diese offizielle Ablehnung von Beziehungen zwischen sowjetischen Mi-
litärangehörigen und in Österreich wohnhaften Frauen spiegelt sich auch in
der Einschätzung von General Vasilij Tjuchtjaev wider. Der hochdekorierte
Veteran gehörte 1945 zum Stab der 4. Garde-Armee und war in den 1980er
Jahren Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU. Auf die Frage nach Kon-
takten zwischen Rotarmisten und Österreicherinnen antwortete Tjuchtjaev,
diese wären – außer im offiziellen Rahmen – allein schon wegen der militäri-
schen Disziplin nicht toleriert worden. Bezeichnend für die Sicht sowjetischer
Verantwortungsträger erscheint seine Beurteilung, die österreichischen Frau-
en hätten regelrecht Jagd auf die „feschen, gesunden“ Rotarmisten gemacht,
„besonders die Offiziere“. Dabei setzte er Liebesbeziehungen mit „Unterhal-
tung“ gleich, die bei Mannschaftssoldaten – so seine Einschätzung – nur or-
ganisiert möglich sei: „Man muss das Besondere an jeder Armee verstehen
– dies gilt vor allem für unsere, für die Sowjetische Armee: Disziplin, Ord-
nung! Und wie soll da ein Soldat mit der örtlichen Bevölkerung sprechen? Er
kann sich auch auf seinem eigenen Territorium, dem sowjetischen, nicht frei
unterhalten. Es gibt den militärischen Verband, die Formation! Es gibt Ord-
nung! Ein Soldat kann entlassen werden! Offiziere haben ihren Plan! Ein Of-
fizier – ja, ein Offizier kann sich unterhalten! Er hat Freizeit! Aber ein Soldat
203 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 349–350, Bericht des Leiters der Politabteilung des 336. NKVD-
Grenzregiments, Major Čurkin, über den intimen Kontakt mit einer politisch fragwürdigen Frau
[nach dem 7.9.1945].
204 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918