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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Schließlich gaben viele Mütter bei der Geburt den Vater als „unbekannt“
an. Für Deutschland geht man von mindestens 100.000 Kindern von Besat-
zungssoldaten aus.214 In Westdeutschland waren nach einer Erhebung von
1955 mehr als 66.000 uneheliche „Besatzungskinder“ gezählt worden, davon
mehr als die Hälfte mit amerikanischen Vätern.215 Trotz ihrer großen Zahl
waren – und sind – die Betroffenen gleichsam „unsichtbar“. Viele wurden
an den Rand der Gesellschaft und Familie gedrängt, sie wuchsen bei Pflege-
oder Großeltern auf und waren von einer merkwürdigen Mischung aus Ta-
buisierung und mysteriösen Anspielungen Außenstehender umgeben. Viele
schämen sich, über ihre Abstammung zu sprechen, oder stoßen ihrerseits auf
eine Mauer des Schweigens. Bis heute gibt es weder in Deutschland noch in
Österreich eine staatliche Einrichtung, die sich der Anliegen der Betroffenen
annimmt.
Dies erinnert vielfach an die Situation von Kindern deutscher Wehr-
machtssoldaten in den besetzten Gebieten.216 Auch sie wurden jahrelang
geächtet und sogar misshandelt. Ihre Herkunft wurde ihnen ausdrücklich
oder implizit zum Vorwurf gemacht. Allein in Frankreich schätzt man die
Zahl dieser als „enfants de boches“217 diskriminierten Kinder auf 200.000. Sie
fanden in der historisch gängigen Täter-Opfer-Dichotomie keinen Platz. Erst
sechs Jahrzehnte nach Kriegsende wurden die Geschichten der Betroffenen
durch das viel diskutierte Buch „Les enfants maudits“ („Die verfluchten Kin-
der“) an die breite Öffentlichkeit gebracht.218
Noch Anfang 2008 betonte der französische Außenminister Bernard
Kouchner in Berlin, die Geschichtsaufarbeitung zwischen den ehemaligen
Feinden sei offenbar nicht abgeschlossen. Die letzten Opfer der früheren
Feindschaft seien die „Besatzungskinder“, jene „unschuldigen und unzeit-
gemäßen Opfer“ des Zweiten Weltkrieges, denen bisher jede Anerkennung
214 Die Kinder der Besatzer. Teil 2. Eine NDR-Produktion von Reinhard Joksch. 2006. Genauere Zahlen
sind durch die Ergebnisse eines aktuellen Forschungsprojektes von Silke Satjukow zu erwarten.
215 Lee, Kinder amerikanischer Soldaten in Europa, S. 339.
216 Vgl. etwa Kjersti Ericsson – Eva Simonsen (Hg.), Children of World War II. The Hidden Enemy
Legacy. Oxford – New York 2005; Lars Westerlund (Hg.), Saksailiasten ja neuvostosotilaiden lap-
set Suomessa, Norjassa, Tanskassa, Itävallassa, puolassa ja Itä-Karjalassa. Ulkomaalasten sotilaiden
lapset Suomessa 1940–1948. Ossa II. The Children of Foreign Soldiers in Finland, Norway, Den-
mark, Austria, Poland and Occupied Soviet Karelia. Children of Foreign Soliders in Finland 1940–
1948. Bd. 2. Helsinki 2011; Ingvill C. Mochmann – Sabine Lee – Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Children
Born of War: Second World War and Beyond. Focus. Kinder des Krieges: Zweiter Weltkrieg und
danach. Historical Social Research. Historische Sozialforschung. Bd. 34. 2009/3, S. 263–373; Mühl-
häuser, Eroberungen, S. 309–312.
217 Virgili, Enfants de Boches.
218 Jean-Paul Picaper – Ludwig Norz, Les enfants maudits. Ils sont 200000, on les appelait les enfants de
Boches. Paris 2004.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918