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3. Besatzungskinder 527
versagt geblieben sei. Der Außenminister plante, eine Kommission von His-
torikern, Juristen und Philosophen zur Aufarbeitung dieses Themas einzu-
setzen. Niemand, so Kouchners Überlegung, solle mehr in Frankreich oder
Deutschland seine Herkunft leugnen müssen. Der politische Wille, sich die-
sem Thema der gemeinsamen Vergangenheit zu widmen, scheint jedoch auf
deutscher wie auf französischer Seite weiterhin zu fehlen.219 Trotzdem trug
sein Engagement schließlich Früchte. Im Februar 2009 teilte das deutsche In-
nenministerium mit, es werde den Betroffenen in Absprache mit dem Aus-
wärtigen Amt beim Wunsch nach der deutschen Staatsbürgerschaft entge-
genkommen.220 Ein halbes Jahr später verlieh die deutsche Botschaft in Paris
Betroffenen die deutsche Staatsbürgerschaft.221
Die Mehrheit der „Besatzungskinder“ stellt eine „vaterlose Generation“
dar. Die Militärangehörigen wussten häufig nicht, dass sie ein Kind gezeugt
hatten, oder wurden noch vor dessen Geburt versetzt. Spätestens aber mit
dem Abzug der Truppen waren vor allem die sowjetischen Väter nicht mehr
greifbar. Es entsprach sowohl der Politik der sowjetischen Regierung als auch
dem Usus vieler Väter, diese Kinder nicht anzuerkennen und keine Verant-
wortung für sie zu übernehmen.222 In den meisten Fällen brach als Folge des
Kalten Krieges jeglicher Kontakt – zumindest für mehrere Jahrzehnte – ab. So
wuchsen die Kinder beinahe ausnahmslos ohne ihren leiblichen Vater auf, von
dem viele nicht mehr als einen russischen Vornamen und eine Region in der
damaligen Sowjetunion als Herkunftsort wissen. Manche kennen nicht einmal
diese Angaben. Dies hatte – etwa wegen fehlender Alimentationszahlungen –
nicht nur wirtschaftliche, sondern auch lebenslange psychische Folgen.223
Die Suche nach dem Vater ist für viele „Besatzungskinder“ – und deren
Kinder – zeit ihres Lebens ein Thema. Im Vordergrund steht die Ergründung
der eigenen Identität, die Frage nach den „persönlichen Wurzeln“. Selbst
Kinder, die als Folge einer Vergewaltigung auf die Welt kamen, widmen
sich dieser Lebensfrage. In einigen Fällen versuchen auch ehemalige Besat-
zungsangehörige, ihr „österreichisches Kind“ und deren Mutter zu finden. In
219 Elise Cannuel, Verfluchte oder Kinder der Liebe? Dreiundsechzig Jahre nach dem Zweiten Welt-
krieg regt Frankreich an, die Geschichte deutsch-französischer Besatzungskinder aufzuarbeiten, in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung. Feuilleton, 21.5.2008, S. 46.
220 Französische „Kriegskinder“ gehört. Deutschland erleichtert Betroffenen die Einbürgerung – his-
torische Kommission soll Thema aufarbeiten, in: http://derstandard.at/Text/?id=1234507506077.
19.2.2009, 16.05 Uhr.
221 Sascha Lehnartz, Deutsche Staatsbürgerschaft für einen „Bastard“, in: http://www.welt.de/
politik/ausland/article4265894/Deutsche-Staatsbuergerschaft-fuer-einen-Bastard.html#reqNL.
6.8.2009, 18.05 Uhr.
222 Zur vergleichbaren Situation in der DDR vgl. Satjukow, Besatzer, S. 297.
223 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441f.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918