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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 530 Untreue“ auf jene Kinder über, die einer derartigen Liaison entstammten. Diese Stigmatisierung ließ zwei der insgesamt drei „Russenkinder“ in seinem Heimatdorf zu Alkoholikern werden, meint Ferdinand Rieder. Rieders Mutter erzählte ihrem späteren österreichischen Mann, sie sei von einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt worden. Ihre – vermeintliche – Rolle als Opfer galt offensichtlich als weniger mit Schande behaftet als der Umstand, eine freiwillige Beziehung mit einem „Russen“ eingegangen zu sein. Trotz dieser offiziellen Distanzierung von dem Rotarmisten fand Rieder nach dem Tod der Mutter ein Foto seines sowjetischen Vaters in ihrem Aus- weisetui. Der Verleugnung dieses anscheinend glücklichen Lebensabschnit- tes mit dem Besatzungssoldaten nach außen hin war offensichtlich keine in- nere Loslösung gefolgt.235 3.1.1 Kinder der Schande Anna E. hingegen, die Ende 1945 infolge einer Vergewaltigung zur Welt kam, litt ihr Leben lang unter dieser „Schande“ und schämte sich für ihre Herkunft: „Irgendwo ist da eine Hemmschwelle, dass man sich da irgend- wo schämt. […] Weil das einfach brutal war. Und weil man nur Negatives gehört hat von denen. Von denen hat man nur sehr wenig Positives gehört. Also, es ist – wie soll man sagen – so wie die Rowdys, wie die Wilden halt.“236 Ihre eigene Familie wie auch die Nachbarn ließen sie von Anfang an spüren, dass sie „nicht dazugehörte“ und „nicht willkommen“ war. Oft äußerte sich die Diskriminierung in scheinbaren Kleinigkeiten. Als Kind etwa hätten alle Gleichaltrigen im Dorf Honigbrote bekommen, während man zu ihr sagte: „Du geh nur heim, du Russenpamper.“ Sie meint dazu: „Spüren haben sie dich das immer lassen. Also, ich hätte nie vom Dorf einen [Mann] geheiratet, oder was. Nie!“ Bereits ihre Geburt stellte eine Sensation dar: „Ich bin am 31. Dezember auf die Welt gekommen. Ja, das war auch lustig, wie ich auf die Welt gekommen bin. Haben alle geglaubt, ich bin irgendwie außerirdisch. Und eine Frau hat gemeint: ‚Was denn, so ein Kind von so einer Horde soll getauft werden? Du darfst die ja gar nicht taufen lassen.‘“237 Als persönlichen Angriff empfand sie zudem die negativen Erzählungen, die „immer“ über „die Russen“ verbreitet wurden: „Also, man hat es dann immer zu hören gekriegt. Ein Leben lang. Du hast einfach nicht Fuß fassen können bei den Leuten da, das ist, das war einfach unmöglich. Du warst ein- 235 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441f. 236 OHI, Anna E. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. O. O. 4.4.2007. 237 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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