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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Untreue“ auf jene Kinder über, die einer derartigen Liaison entstammten.
Diese Stigmatisierung ließ zwei der insgesamt drei „Russenkinder“ in seinem
Heimatdorf zu Alkoholikern werden, meint Ferdinand Rieder.
Rieders Mutter erzählte ihrem späteren österreichischen Mann, sie sei von
einem sowjetischen Soldaten vergewaltigt worden. Ihre – vermeintliche –
Rolle als Opfer galt offensichtlich als weniger mit Schande behaftet als der
Umstand, eine freiwillige Beziehung mit einem „Russen“ eingegangen zu
sein. Trotz dieser offiziellen Distanzierung von dem Rotarmisten fand Rieder
nach dem Tod der Mutter ein Foto seines sowjetischen Vaters in ihrem Aus-
weisetui. Der Verleugnung dieses anscheinend glücklichen Lebensabschnit-
tes mit dem Besatzungssoldaten nach außen hin war offensichtlich keine in-
nere Loslösung gefolgt.235
3.1.1 Kinder der Schande
Anna E. hingegen, die Ende 1945 infolge einer Vergewaltigung zur Welt
kam, litt ihr Leben lang unter dieser „Schande“ und schämte sich für ihre
Herkunft: „Irgendwo ist da eine Hemmschwelle, dass man sich da irgend-
wo schämt. […] Weil das einfach brutal war. Und weil man nur Negatives
gehört hat von denen. Von denen hat man nur sehr wenig Positives gehört.
Also, es ist – wie soll man sagen – so wie die Rowdys, wie die Wilden halt.“236
Ihre eigene Familie wie auch die Nachbarn ließen sie von Anfang an spüren,
dass sie „nicht dazugehörte“ und „nicht willkommen“ war. Oft äußerte sich
die Diskriminierung in scheinbaren Kleinigkeiten. Als Kind etwa hätten alle
Gleichaltrigen im Dorf Honigbrote bekommen, während man zu ihr sagte:
„Du geh nur heim, du Russenpamper.“ Sie meint dazu: „Spüren haben sie
dich das immer lassen. Also, ich hätte nie vom Dorf einen [Mann] geheiratet,
oder was. Nie!“ Bereits ihre Geburt stellte eine Sensation dar: „Ich bin am 31.
Dezember auf die Welt gekommen. Ja, das war auch lustig, wie ich auf die
Welt gekommen bin. Haben alle geglaubt, ich bin irgendwie außerirdisch.
Und eine Frau hat gemeint: ‚Was denn, so ein Kind von so einer Horde soll
getauft werden? Du darfst die ja gar nicht taufen lassen.‘“237
Als persönlichen Angriff empfand sie zudem die negativen Erzählungen,
die „immer“ über „die Russen“ verbreitet wurden: „Also, man hat es dann
immer zu hören gekriegt. Ein Leben lang. Du hast einfach nicht Fuß fassen
können bei den Leuten da, das ist, das war einfach unmöglich. Du warst ein-
235 Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 441f.
236 OHI, Anna E. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. O. O. 4.4.2007.
237 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918