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3. Besatzungskinder 535
war. Mit sechs Jahren wurde ich von Pflegeeltern aufgenommen.“252 Die Pfle-
geeltern verboten ihr jeglichen Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter: „Mein täg-
licher Schulweg führte mich am Haus meiner Mutter vorbei, die ich oft sah,
und ich durfte kein Wort an sie richten. Auch meine Mutter gab zögerliche
Kontaktversuche auf, da ich ja in ihrer Ehe der Störenfried zwischen ihr und
meinem Stiefvater war.“253
Allerdings war das Leben bei den Pflegeeltern alles andere als ideal. Nicht
nur diskreditierten sie fortwährend die leibliche Mutter von Renate M., sie
ließen das Mädchen, das sie offensichtlich als „Altersvorsorge“ zu sich ge-
nommen hatten, auch ständig seine wirtschaftliche Abhängigkeit spüren. In-
nerhalb der Pflegefamilie an der untersten Stelle der Hierarchie platziert, galt
sie als zukünftige billige Arbeitskraft. Zur sozialen Isolation kam noch sexuel-
le Gewalt hinzu. Von Anfang an missbrauchte sie der zehn Jahre ältere Sohn
der Pflegeeltern: „Ja, jetzt war ich wohl wo untergebracht, wo ich zu essen
hatte, wo ich was zum Anziehen hatte, wo es warm eingeheizt war. Nur …
ja – wie sag ich das? Der jüngere Sohn der beiden hat mich permanent sexuell
missbraucht. Vergewaltigt. Also, er ist immer am Wochenende nach Hause
gekommen, und jedes Wochenende hat sich das so abgespielt.“254
Weder seitens der Mutter noch seitens der Pflegeeltern durfte sie auf Un-
terstützung hoffen: „Ich hab das aber offensichtlich irgendwie so verdrängt
und bin trotzdem zu diesen, zu seinen Eltern tagtäglich gegangen. Wahr-
scheinlich auch, weil die Angst zu Hause vorm Stiefvater sehr groß war. Na-
türlich war der Überlebenstrieb groß, was zu essen zu kriegen. Es warm zu
haben, keine Streitereien zu haben und so ja, dass das wahrscheinlich immer
irgendwo so in den Hintergrund gedrängt wurde. […] Jedes Wochenende
war ich in Panik, wann ich gewusst habe, der kommt nach Hause.“255
Heute glaubt sie, dass die sexuellen Übergriffe von ihren Pflegeeltern
jahrelang stillschweigend akzeptiert wurden. Diese nahmen ihren leibli-
chen Sohn in Schutz, wohingegen sie als „die Böse“ galt. Erst mit Beginn der
Pubertät griff die Pflegemutter ein, wohl aus Angst vor dem Eintritt einer
Schwangerschaft: „Und ich hab auch sehr oft gehört: ‚Also, du bist genauso
wie deine Mutter‘, genau die gleiche Hure wie meine Mutter. Und sie [die
Pflegemutter] hat mir das damals überhaupt nicht erklären können, wieso
die so böse ist zu mir. Und ich habe mich dort als Störenfried gefühlt. Und ich
hätt mich aber auch nie getraut, irgendwie was zu sagen, was da mit ihrem
252 Renate M., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 26.1.2008.
253 Renate M., Elektronische Nachricht. 17.2.2008.
254 OHI, Renate M.
255 Ebd.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918