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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Sohn passiert, weil immer so diese Angst in mir war, wenn ich das sag, dann
wird alles noch viel schlechter! Ich hab mir zwar nicht ausmalen können, wie,
aber es war immer diese unbewusste Angst da, ich muss schweigen, ich darf
nichts sagen! Ich muss das ertragen und erdulden. Weil sonst wird alles noch
viel schlimmer. Und, wie gesagt, dann so mit meinem zwölften Lebensjahr
in etwa wurde das sozusagen von den Pflegeeltern entdeckt. Das war aber
sicher der Grund, sag ich heute, ich hab damals Regel gekriegt, und die haben
dann natürlich Angst gehabt, dass ich schwanger werden könnte.“256 Wenig
später verließ Renate M. das Haus der Pflegeeltern und kam in ein Internat.
Mit ihrer leiblichen Mutter sollte sie erst Jahre später wieder in Verbindung
treten. Zu einem weiteren Kind, das aus einer Beziehung mit einem anderen
sowjetischen Besatzungssoldaten stammte, hatte die Mutter ebenfalls die Be-
ziehung abgebrochen: „Dieses Kind wurde von ihr nach ca. acht Monaten zur
Pflege an Bauern in G. gegeben. Ein Kontakt zwischen meiner Mutter und mei-
ner Schwester besteht bis heute nicht. Meiner Mutter ist auch über die Person
des Vaters meiner Schwester nichts zu entlocken … Da gab es offensichtlich
eine dunkle Geschichte, nehme ich an.“257 Erst ab ihrem 27. Lebensjahr, als ihre
Pflegeeltern verstorben waren, konnte Renate M. den Kontakt zu ihrer Mut-
ter wieder aufnehmen: „Es war immer wieder ein ‚Nachschauen‘, ob sie mich
nun endlich liebt … Vor zehn Jahren ist mein Stiefvater verstorben, und erst ab
diesem Zeitpunkt konnten sich meine Mutter und ich annähern, und erst von
da an stellte ich immer wieder Fragen hinsichtlich meines Vaters, die ich auch
beantwortet bekam. Ich kann sagen, dass nunmehr der Kontakt mit meiner
Mutter ein sehr inniger ist, und ich trage ihr nichts nach. Es ist, wie es ist.“258
Andere „Besatzungskinder“ konnten trotz schwieriger Rahmenbedingun-
gen in einem liebevolleren Umfeld aufwachsen. So kam die damals einjährige
Monika G. nach dem Tod ihres Vaters, des Adjutanten des sowjetischen Hoch-
kommissars in Baden, zu einer Tante mütterlicherseits nach Wien. Ihre Mut-
ter musste Geld verdienen und sich um den sechs Jahre älteren Halbbruder
Monikas aus geschiedener Ehe kümmern. Erst als sie fünf Jahre später „zur
Versorgung“ nochmals heiratete, konnte Monika G. zu ihrer Mutter zurück-
kehren. Ihre Tante, zu der sie ein besonders inniges Verhältnis aufgebaut hatte,
blieb weiterhin eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Auch sonst hatte
sie Glück. Denn ihr Stiefvater behandelte sie und ihren Halbbruder wie seine
eigenen Kinder. Eine Benachteiligung gegenüber dem später geborenen zwei-
ten Halbbruder konnte sie nicht bemerken.259
256 Ebd.
257 Renate M., Elektronische Nachricht. 17.2.2008.
258 Ebd.
259 OHI, Monika G. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Graz 23.7.2008.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918