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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 538 Der 1947 geborene Karl K. erinnert sich etwa, wie ein „Bauernbub“ im Zuge einer Rauferei zu ihm sagte: „Hast eh keinen Vater.“ Mit etwa zehn Jah- ren begann er zu ahnen, weswegen er einen Stiefvater hatte und – im Gegen- satz zu seiner Halbschwester und Mutter – den Mädchennamen der Mutter trug. Fragen nach seinem leiblichen Vater blieben unbeantwortet: „Meine Großmutter und einige meiner Tanten, die jünger sind als meine Mutter, trös- teten mich immer auf Fragen, besonders in den frühen Jugendjahren, nach meinem richtigen Vater. Es wurde gesagt, dass man ihn nicht kenne und er schon gestorben sei. Es gebe kein Bild und ich solle mich in den Spiegel schauen, dann wisse ich, wie er ausgesehen habe! […] Ich hatte immer das Gefühl, dass jeder alles wusste, sich jedoch dazu nicht äußerte.“263 Erst 2005 konnte Karl K. seine Mutter „schonend“ fragen, wer sein Vater sei.264 Auch Karl M. wusste jahrzehntelang kaum etwas über seine Herkunft. Erst die 2004 erfolgte zufällige Begegnung mit seinem ehemaligen Stiefvater und einstigen Jugendfreund seiner Mutter brachte erste Informationen ans Licht. Den Anstoß dazu hatte anscheinend seine äußere Ähnlichkeit mit seinem Va- ter gegeben: „Erst durch seine Bemerkung: ‚Du hast die gleiche Figur und den gleichen Gang wie dein Vater‘, bin ich daraufgekommen, wer mein Va- ter war. Leider war ich zu perplex und irgendwie auch gehemmt, um gleich nachzuhaken.“265 In den Jahrzehnten zuvor war das Thema verdrängt wor- den. Aus Angst, er könnte das Kind einer Vergewaltigung sein, hatte er nicht zu fragen gewagt. Der „Russe“ galt schließlich als „Feind“.266 Ähnliche Befürchtungen hatte Herbert Pils. Mit etwa acht Jahren hörte er erstmals von der möglichen Herkunft seines Vaters. Ein Schulkamerad fragt ihn auf dem Heimweg: „Du, stimmt das, dass dein Vater ein Russe war?“ In diesem Alter war das „furchtbar“, erinnert er sich heute, insbesondere weil er sich nicht zu fragen getraute. Mehr noch irritierte ihn jedoch der Gedanke, er könnte „das Produkt einer Vergewaltigung“ sein. Erst mit 14 Jahren zeigte ihm seine Mutter das Foto von seinem Vater Nikolaj und erzählte ihm kurz von ihrer Liebesbeziehung. „Sie hat sich nie getraut, und ich hab mich auch nie fragen getraut. Sie hat sich halt auch immer geschämt. Und mit vierzehn hat sie mir dann das Foto gezeigt. Und dann war ich natürlich irrsinnig er- leichtert, dass das eine ganz normale Beziehung war.“267 Auf der Rückseite des Fotos findet sich die zweisprachige Widmung: „Zum Andenken. Rosi von Nikolei. 12.11.45 Gaflenz O. O. (Austria) Na dolguju pamjat’ Roze ot Ni- 263 Karl K., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 22.2.2006. 264 Ebd. 265 Anton M., Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 16.8.2006. 266 Ebd. 267 OHI, Pils.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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