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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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ger etwas offener mit seiner Mutter über die-
ses Thema sprechen. Er meint dazu: „Damals
galt ein Kind von einem ‚Russen‘ als Schande,
obwohl meine Mutter nach ihren eigenen An-
gaben Hals über Kopf in jenen in Ybbs an der
Donau stationierten Anton Pokulev verliebt
war.“269
Eine gewisse Zäsur stellten der Abzug der Truppen und das Ende der Besat-
zung beim Umgang mit den „Russenkindern“ dar. So erfuhr etwa Eleonore
Dupuis, 1946 in St. Pölten geboren, im Jahr 1955, dass sie die Tochter eines
sowjetischen Besatzungssoldaten war. Bis dahin hatte sie ihre Mutter in dem
Glauben gelassen, der bei einem Unfall ums Leben gekommene Vater der äl-
teren Halbschwester wäre auch ihr Vater: „Aber dann hat sie mir doch die
Wahrheit gesagt, weil es wahrscheinlich nicht anders gegangen wäre, als mit
Lügen. Und das hat sie nicht gemacht. Da war ich natürlich sehr erstaunt,
aber irgendwie hat es mir gefallen, so anders zu sein, weil einen russischen
Vater hat ja nicht jeder.“270 Offensichtlich hatte sie ihre Mutter vor Diskrimi-
nierung durch Bekannte und Schulkollegen bewahren wollen. Eleonore Du-
puis empfand es stets als interessant und positiv, „etwas anderes zu sein“.271
In anderen Familien hält das Schweigen bis heute an. Insbesondere die
Frauen selbst, die eine Beziehung mit einem Besatzungssoldaten hatten, wei-
gern sich, über diese Zeit zu sprechen. Eleonore H. etwa, die im Dezember
1946 den Sohn eines sowjetischen Besatzungssoldaten auf die Welt brach-
te, verheimlicht diese Affäre immer noch. Ihr Sohn glaubt daher, sein Vater
wäre Österreicher gewesen. Die Wahrheit würde ihm Eleonore H. erst sagen,
wenn sie seinen Vater finden könnte.272 Manche Österreicherinnen nehmen
die Wahrheit mit ins Grab. Knappe Hinweise finden sich in diesen Fällen –
wenn überhaupt – erst im Nachlass oder werden – wie bei Rosa R. – beim
269 Ebd.; Am Schauplatz: Verbotene Liebe. Eine ORF-Reportage von Doris Plank. 29.6.2007 (3sat,
4.7.2007).
270 OHI, Dupuis. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 442.
271 Eleonore H., Freundliche Auskunft.
272 Ebd. Abb. 76: Der Mutter von Reinhard Heninger gelang es,
einige Fotos von ihrer „Jugendliebe“, einem sowjetischen
Besatzungssoldaten, vor ihrem späteren österreichischen
Mann zu verstecken. Jahrzehntelang litt das 1947 ge-
borene „Russenkind“ unter den Verheimlichungen in
seiner Familie. (Quelle: Sammlung Stelzl-Marx, Bestand
Heninger)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918