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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 540 ger etwas offener mit seiner Mutter über die- ses Thema sprechen. Er meint dazu: „Damals galt ein Kind von einem ‚Russen‘ als Schande, obwohl meine Mutter nach ihren eigenen An- gaben Hals über Kopf in jenen in Ybbs an der Donau stationierten Anton Pokulev verliebt war.“269 Eine gewisse Zäsur stellten der Abzug der Truppen und das Ende der Besat- zung beim Umgang mit den „Russenkindern“ dar. So erfuhr etwa Eleonore Dupuis, 1946 in St. Pölten geboren, im Jahr 1955, dass sie die Tochter eines sowjetischen Besatzungssoldaten war. Bis dahin hatte sie ihre Mutter in dem Glauben gelassen, der bei einem Unfall ums Leben gekommene Vater der äl- teren Halbschwester wäre auch ihr Vater: „Aber dann hat sie mir doch die Wahrheit gesagt, weil es wahrscheinlich nicht anders gegangen wäre, als mit Lügen. Und das hat sie nicht gemacht. Da war ich natürlich sehr erstaunt, aber irgendwie hat es mir gefallen, so anders zu sein, weil einen russischen Vater hat ja nicht jeder.“270 Offensichtlich hatte sie ihre Mutter vor Diskrimi- nierung durch Bekannte und Schulkollegen bewahren wollen. Eleonore Du- puis empfand es stets als interessant und positiv, „etwas anderes zu sein“.271 In anderen Familien hält das Schweigen bis heute an. Insbesondere die Frauen selbst, die eine Beziehung mit einem Besatzungssoldaten hatten, wei- gern sich, über diese Zeit zu sprechen. Eleonore H. etwa, die im Dezember 1946 den Sohn eines sowjetischen Besatzungssoldaten auf die Welt brach- te, verheimlicht diese Affäre immer noch. Ihr Sohn glaubt daher, sein Vater wäre Österreicher gewesen. Die Wahrheit würde ihm Eleonore H. erst sagen, wenn sie seinen Vater finden könnte.272 Manche Österreicherinnen nehmen die Wahrheit mit ins Grab. Knappe Hinweise finden sich in diesen Fällen – wenn überhaupt – erst im Nachlass oder werden – wie bei Rosa R. – beim 269 Ebd.; Am Schauplatz: Verbotene Liebe. Eine ORF-Reportage von Doris Plank. 29.6.2007 (3sat, 4.7.2007). 270 OHI, Dupuis. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 442. 271 Eleonore H., Freundliche Auskunft. 272 Ebd. Abb. 76: Der Mutter von Reinhard Heninger gelang es, einige Fotos von ihrer „Jugendliebe“, einem sowjetischen Besatzungssoldaten, vor ihrem späteren österreichischen Mann zu verstecken. Jahrzehntelang litt das 1947 ge- borene „Russenkind“ unter den Verheimlichungen in seiner Familie. (Quelle: Sammlung Stelzl-Marx, Bestand Heninger)
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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