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3. Besatzungskinder 545
derstandes ihrer Eltern, die ihre Beziehung mit dem sowjetischen Offizier
in Baden von Anfang an abgelehnt hatten, zur Welt: „Als er nach St. Pölten
versetzt wurde, ging ich mit, trotz aller Schwierigkeiten mit meinen Eltern.
Ich liebte ihn einfach, es war die große Liebe für uns beide, aber leider ohne
‚Happy End‘. Er hatte Probleme wegen mir mit seinen Vorgesetzten, aber wir
verlobten uns trotzdem. Den Verlobungsring habe ich meiner Tochter ge-
schenkt als Vermächtnis ihres Vaters. Leider waren uns nur ein paar Monate
vergönnt, zusammen zu sein. Er wurde nach Hause beordert. Wir sahen uns
das letzte Mal, als er von Mödling Richtung Heimat fuhr. Für mich kam nun
eine schwere Zeit, als ich merkte, dass ich schwanger war. Ich sagte es mei-
nen Eltern erst, als ich im fünften Monat war, denn ich wollte das Kind um
jeden Preis. Es war ein lebendiges Andenken an Jurij. Ich habe bis heute nur
Freude mit meiner Tochter.“287
Ihrer Tochter erzählte Erna V. allerdings erst 1989, nach dem Tod des Stief-
vaters, wer ihr leiblicher Vater war.288 Tatsächlich hatte die Tochter allerdings
bereits mit 14 Jahren von der Identität des Vaters erfahren, dies jedoch gegen-
über ihrem Stiefvater – und offensichtlich auch gegenüber der Mutter – ver-
schwiegen. Heute verspürt sie keinerlei „Ambitionen“, den leiblichen Vater
zu suchen. Zu stark war die Bindung an den Stiefvater gewesen, der sie „ver-
götterte“. Noch weniger ist sie an einem Kontakt zu etwaigen Halbgeschwis-
tern in Russland interessiert.289
Wie stark der Wunsch sein kann, die eigenen Wurzeln zu kennen, zeigt
das Beispiel von Anna E., die zu Silvester 1945 als Folge einer Vergewalti-
gung auf die Welt kam: „Glaube, mein Geburtsdatum sagt Ihrem Institut al-
les. Muss sagen: Mein Vater der Feind. Mein Vater war kein ‚geliebter Feind‘.
Habe Ihren Artikel ‚Geliebter Feind‘290 in der ‚Kronen-Zeitung‘ gelesen. So
habe ich jetzt den Mut gefasst und möchte Ihr Institut bitten, Nachforschun-
gen über meine Herkunft anzustellen. Es war mir seelisch nie möglich, über
meinen Schatten zu springen. Wollte eigentlich immer schon mehr erfahren
über meine Herkunft. Aber ich hatte auch immer Angst davor. Nur jetzt be-
komme ich seit Jahren die nötige Unterstützung von meinen Kindern. Soll
meine Wurzeln des Vaters ausforschen lassen. Leider habe ich von meinem
leiblichen Vater keine Unterlagen. Bin ein Kind der Vergewaltigung. Wo ich
eigentlich kein Recht zu leben hätte. Nur meine Mutter hat sich für mich ent-
287 Erna V., Schreiben an Barbara Stelzl-Marx. Wien 9.9.2005.
288 Erna V., Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Wien 27.9.2005.
289 Christine F., Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Wien 25.9.2008.
290 Dieter Kindermann, Geliebter Feind. 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg suchen noch Mütter
und deren Kinder nach Besatzungssoldaten, mit denen sie eine tiefe Beziehung hatten. Manchmal
entdecken sie den Vater ihrer Kinder, in: Kronen Zeitung, Krone Bunt. 21.1.2007, S. 30–31.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918