Page - 546 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 546 -
Text of the Page - 546 -
II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
546
schieden. […] Interessieren würde es mich schon sehr, wer mein Vater war
oder ist.“291 Ihre österreichischen Halbgeschwister und auch die Mutter ste-
hen der Suche äußerst skeptisch gegenüber.
3.4.1 Rekonstruktion der Identität
In einigen Fällen gelingt es tatsächlich, diese zentrale Frage nach der eigenen
Identität zu klären. Findet ein Wiedersehen – oder ein erstes Treffen – nach
Jahrzehnten statt, ist dieses an Dramatik, Emotionalität, Freude und auch
Angst nur schwer zu übertreffen. Wie das Beispiel von Herbert Pils zeigt,
sind – abgesehen von den vorhandenen Informationen – sowohl Engagement
und Ausdauer bei der Suche als auch eine Portion Glück notwendig. Ein
„Happy End“ stellt allerdings eher die Ausnahme als die Regel dar.
Auch in seiner Familie stellte der Vater ein Tabuthema dar. Selbst für die
drei Enkeltöchter galt die Regel, der Großmutter gegenüber den ehemaligen
Besatzungssoldaten nicht zu erwähnen. Einmal hätten die drei Mädchen ver-
sucht, ihrer Großmutter etwas zu entlocken. Doch die alte Frau begann sofort
zu weinen, woraufhin das Gespräch wieder für viele Jahre beendet war.292 Be-
zeichnenderweise begann Herbert Pils erst nach dem Tod seines Stiefvaters
und seiner Mutter, die Recherchen nach seinem leiblichen Vater intensiv vo-
ranzutreiben. Unterstützung erfuhr er dabei insbesondere durch seine Tochter
Eva. Schließlich nahm er einen Suchaufruf per Video auf, der am 13. August
2007 dank der Vermittlung von Redakteurin Elena Rogatkina in der russi-
schen Fernsehsendung „Ždi menja“ ausgestrahlt wurde.293 Pils kannte zwar
nur den Vornamen „Nikolaj“, besaß allerdings ein Foto seines Vaters. Zufäl-
ligerweise kam die Nichte des Vaters in jenem Moment vom Garten in die
Küche, als dieses gezeigt wurde. Sie erkannte ihn – im Gegensatz zu anderen
Verwandten, die die Sendung gleichfalls sahen – und rief die Frau des bereits
verstorbenen Vaters an, die mit der Redaktion sofort Kontakt aufnahm. Wenig
später fuhr Herbert Pils auf Einladung von „Ždi menja“ nach Moskau, wo er
vor laufender Kamera seine beiden Halbschwestern aus Šachty und Rostov in
Südrussland traf.294 Er erinnert sich, wie er zunächst einfach fassungslos war:
291 Anna E., Schreiben an Barbara Stelzl-Marx. O. O. 21.1.2007.
292 Irina Repke – Peter Wensierski, „Warte auf mich“. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende suchen Kin-
der sowjetischer Besatzungssoldaten nach den Spuren ihrer Väter, in: Der Spiegel, 6.8.2007, S. 40–44,
hier: S. 42.
293 Suchaufruf von Herbert Pils in „Ždi menja“, Nr. 346. Ausgestrahlt am 13.8.2007, in: http://www.
poisk.vid.ru/?p=11&airyear=2007&airsearch_morning=0&sstart=0.
294 Treffen von Herbert Pils mit seiner Familie in „Ždi menja“, Nr. 350. Ausgestrahlt am 10.9.2007, in:
http://www.poisk.vid.ru/?p=11&airyear=2007&airsearch_morning=0&sstart=0.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918