Page - 548 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Image of the Page - 548 -
Text of the Page - 548 -
II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
548
Ohrläppchen.“ Er ist erleichtert, wie nett seine „neue“ Familie ist: „Irgendwo
hat man ja Angst, man weiß ja nicht, in welches Wespennest man da sticht.
Aber es hätte nicht schöner sein können. Sie sind ganz nette Leute, so ruhige.
Man hat ja irgendwie Angst, welche Partie daherkommt …“296
Plötzlich stellte seine Herkunft auch in seinem österreichischen Heimat-
ort kein Tabuthema mehr dar. Erstmals konnten Informationen und Erinne-
rungen ausgetauscht werden. Herbert Pils veranstaltete sogar einen Vortrag
über die abgeschlossene Suche. Das – nun gebrochene – jahrzehntelange bei-
derseitige Schweigen charakterisiert der pensionierte Musiklehrer bezeich-
nend: „Sie [die Verwandten] haben nie etwas gesagt; und ich habe nie etwas
gefragt.“ 297 Im Sommer 2008 besuchte Herbert Pils seine Verwandten in
Südrussland und nahm am Grab seines Vaters Abschied von dem Mann, den
er persönlich nie kennengelernt hatte.298 Auch Gegenbesuche seiner Schwes-
tern in Österreich sind bereits geplant.
Bei Reinhard Heninger zog sich die Suche nach seinem leiblichen Vater
gleichfalls über mehrere Jahrzehnte hin. So teilte die österreichische Botschaft
Moskau im Oktober 1957 der Jugendfürsorge des Amtes der Niederösterrei-
chischen Landesregierung mit: „Eine Ausforschung über das sowjetische Mi-
nisterium des Äußeren ist nicht möglich, da Pokulov einerseits Sowjetbürger
ist und überdies das genannte Ministerium Ausforschungen zu Privatzwe-
cken ablehnt. Eine Ausforschung Pokulovs seitens der Kindesmutter käme
daher nur auf dem Weg über das österreichische Rote Kreuz an das sowjeti-
sche Rote Kreuz in Frage.“299 Wie dieses Schreiben zeigt, war von sowjetischer
Seite keinerlei Unterstützung bei der Ausforschung ehemaliger Besatzungs-
soldaten zu erwarten.
Auch die weiteren Schritte zeugen von der oft zermürbenden Suche, die
von Sehnsüchten und Enttäuschungen gesäumt war: 1971 richtete Reinhard
Heninger ein Schreiben an Bundeskanzler Bruno Kreisky mit der Bitte um
Unterstützung, im April 1995 wandte er sich an eine russische Veteranende-
legation, die Erlauf besuchte, und Anfang 2002 stellte er unter anderem einen
Suchantrag über das österreichische Rote Kreuz.300 Als Reaktion auf den vor-
ab erwähnten Artikel in der „Kronen-Zeitung“ wandte er sich schließlich im
Jänner 2007 an die Autorin, in der Hoffnung, dass die „Sehnsucht nach einem
(Lebens-)Zeichen des Vaters gestillt werden“ möge.301
296 Herbert Pils, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Eisenerz 7.9.2007.
297 Ebd.
298 Herbert Pils, Elektronische Nachricht an Barbara Stelzl-Marx. 4.9.2008.
299 ÖBM, Personalakt Reinhard Heninger. Zit. nach: Stelzl-Marx, Freier und Befreier, S. 443.
300 Sammlung Barbara Stelzl-Marx, Bestand Reinhard Heninger.
301 Heninger, Schreiben an Stelzl-Marx. 22.1.2007.
back to the
book Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918