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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Als es der Autorin gelang, Romana Steinmetz in Baden ausfindig zu ma-
chen, zeigte sich folgende, durchaus nicht untypische Situation: Ihr Sohn,
Gerhard Verosta, wusste nichts von der Identität seines Vaters. Seine Mut-
ter hatte eine Staatsstellung gehabt, die sie nicht durch das Bekanntwerden
der früheren Liaison mit einem sowjetischen Offizier gefährden hatte wollen.
Außerdem hatte sie befürchtet, dass ihr Sohn andernfalls unter Nachteilen zu
leiden haben würde. Lediglich gegenüber ihrer Mutter und ihrem späteren
Mann hatte sie die Wahrheit nicht verschwiegen. Die Neuigkeit, dass Pavel
Denisov lebte und sie suchte, hatte zunächst einen Schock bei ihr ausgelöst,
meinte Romana Steinmetz. Sie hatte damals, als er plötzlich verschwunden
war, „alles abgeschlossen“. Dass er nun so unverhofft nach beinahe 60 Jahren
wieder in ihr Leben trat, machte sie zunächst sprachlos. In mehreren schlaf-
losen Nächten hatte sie die alten Fotos wieder hervorgeholt und sich an die
gemeinsame Zeit zurückerinnert. Darunter war auch jenes mit der russischen
Aufschrift: „Der liebsten Romana zur Erinnerung von Pavlik. Erinnere dich an
die vergangene Zeit, wenn wir nicht zusammen sind. Mögen die Wellen des
Lebensmeeres die Erinnerung an mich nicht hinwegspülen. 21.5.1946 Baden.“
Doch warum, wollte sie wissen, hatte er sich nicht bereits früher gemeldet?307
Als sich die Frage stellte, ob Gerhard Verosta in die Neuigkeiten einge-
weiht werden und zur Sendung nach Moskau fahren sollte, lehnte seine Mut-
ter zunächst ab: Sie wollte ihren Sohn nach wie vor „aus der Sache heraus-
halten“, denn schließlich wäre eine derartige Beziehung „damals verpönt“
gewesen. Außerdem würde sie auch heute noch weder auf sich noch auf ihn
„ein schlechtes Licht“ werfen wollen.308 Zum Schutz vor Diskriminierung
wollte sie weiterhin die Erinnerung an „die verbotene Liebe mit Früchten“,
wie sie es nannte, für sich behalten.309 Erst nach einer weiteren Woche Be-
denkzeit entschloss sich die Badenerin, „alles“ zu sagen. Gerhard Verosta
erklärte sich sofort bereit, nach Moskau zu fahren und seinen Vater kennen-
zulernen. Er meinte wenig später: „Es kann sich niemand vorstellen, was das
für mich bedeutet.“310
Am Abend des 17. Juni 2005 kam es schließlich zur denkwürdigen Begeg-
nung zwischen dem 58-jährigen Österreicher und seinem Vater:311 „Ich war
307 Romana Steinmetz, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Baden 12.5.2005; Romana Stein-
metz, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Baden 17.5.2005.
308 Romana Steinmetz, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Baden 25.5.2005.
309 Otto Klambauer, Die Kinder der Besatzung. Neue Forschungen bringen etwas Licht ins Dunkel
eines Tabuthemas der Nachkriegszeit: Die Beziehungen von Österreicherinnen mit Besatzungssol-
daten 1945 bis 1955, in: Kurier, 19.6.2005, S. 4.
310 Gerhard Verosta, Freundliche Auskunft an Barbara Stelzl-Marx. Baden 7.6.2005.
311 Treffen von Gerhard Verosta mit seiner Familie in „Ždi menja“, Nr. 264. Ausgestrahlt am 25.7.2005,
in: http://www.poisk.vid.ru/?p=11&airyear=2005&airsearch_morning=0&sstart=45.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918