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3. Besatzungskinder 555
Er hat viel von mir: die Stirn, die Augen, die Ohren, das ovale Gesicht, sogar
die Hände. Er ist größer als ich.“318
Zu einem Treffen zwischen dem ehemaligen Besatzungssoldaten und sei-
ner damaligen Geliebten kam es auch in diesem Fall nicht. Viktor schrieb in
diesem Zusammenhang seiner Enkelin Astrid, die ihm zu Ehren ihren Sohn
im zweiten Vornamen „Viktor“ getauft hatte:319 „Ich möchte noch ein paar
Worte über Maria (deine Großmutter) sagen. Sie wollte das Kind, Gerhard,
auf keinen Fall. Aber wie froh bin ich, dass sie ihn in jener schweren Zeit
behalten hat. Ich denke, dass sie jetzt selbst froh ist, so einen wundervollen,
schönen Sohn zu haben. Und wir freuen uns, dass wir ein Teil seiner Familie,
eurer Familie werden konnten. Das ist Glück. Richte Großmutter Maria ei-
nen Gruß und meine große Dankbarkeit für Gerhard aus. Möge sie mir nicht
böse sein – das Leben ist sehr, sehr kurz. Wir können einfach Freunde sein.
Ich glaube, dass sie sich auch mit meiner [Frau] Maria anfreunden könnte,
mit der ich 57 Jahre zusammenlebe.“320 Bis heute möchte die Mutter des „Be-
satzungskindes“ nicht, dass das über Jahrzehnte wohlgehütete Geheimnis in
ihrem Umfeld bekannt wird oder an die Öffentlichkeit kommt.
Eine ambivalentere Strategie des Vergessens bzw. Verklärens pflegte The-
rese S., die insgesamt fünf Jahre in einer glücklichen Beziehung mit dem Flie-
geroffizier Nikolaj Sidorov zusammengelebt hatte. Sie schloss bald nach seiner
Versetzung mit dieser Phase in ihrer Biografie ab, bewahrte aber auf der ande-
ren Seite vor allem gegenüber ihrer Tochter Vera Ganswohl das Andenken an
den Vater. So nahm sie bei wichtigen Jubiläen wie dem 18. oder 21. Geburtstag
Bezug auf den abwesenden Vater, indem sie etwa „Deine Eltern“ oder „Das ist
im Sinne Deines Vaters“ in den Glückwunschkarten vermerkte. Auch Briefe,
Kleidungsstücke oder persönliche Gegenstände des Vaters bewahrte sie bei-
nahe wie Reliquien auf. Sie galten als Symbol einer glücklichen Zeit.321
Umso größer war der „Schock“, als 1979 in ihrem burgenländischen Hei-
matort eine Ansichtskarte aus der Sowjetunion eintraf: „Natürlich Schock!
Aufregung! Und, und meine Mutter wollte alles so auf sich beruhen lassen.
Ja, Vergangenheit und es war schön und aus. Ich hab’ natürlich ein vitales
Interesse gehabt, meine Wurzeln, meinen Vater und so kennenzulernen. Und
sie hat dann lang gezögert, mir überhaupt die Adresse [zu geben ...]. Aber ich
hab nicht lockergelassen“, erinnert sich Vera Ganswohl. Trotz des Widerstan-
des seitens ihrer Mutter antwortete sie dem Vater.
318 Viktor G., Schreiben an Astrid S. O. O. 27.5.2004.
319 Astrid S., Freundliche Auskunft.
320 Viktor G., Schreiben an Astrid S. O. O. 27.5.2004.
321 OHI, Vera Ganswohl. Durchgeführt von Barbara Stelzl-Marx. Graz 5.8.2004. Zit. nach: Stelzl-Marx,
Freier und Befreier, S. 445.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918