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Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder 556 Vera Ganswohl, die ihren Vater das letzte Mal mit zwei Jahren gesehen hat- te, traf ihn 1983 in Moskau wieder. Noch heute kommen ihr Tränen, wenn sie an das Treffen vor dem Hotel Kosmos denkt: „Aber das war wirklich für alle Beteiligten so ein, irgend so ein Ereignis, das, glaube ich, nicht nachvollzieh- bar ist für jemanden anderen. [...] An sich bin ich ein recht stabiler Mensch und sehr ausgeglichen, aber das war ganz einfach so viel Gefühl und so viele Emotionen, die da hochgekommen sind. Und das alles so zu verkraften, das hat mich eigentlich schon sehr hergenommen, muss ich sagen.“ Dem ersten Treffen in Moskau folgten weitere in Soči und, nach dem Tod des Vaters 1988, eine Gegeneinladung ihrer russischen Halbschwester nach Österreich.322 Ein Wiedersehen zwischen den Eltern fand deswegen nicht statt, weil die Mutter das idealisierte Bild ihrer Vergangenheit nicht zerstören wollte: „Im Nachhinein ist, glaube ich, alles euphorisch. Ja, also sie erzählt, dass das der Mann ist, der sie geprägt hat, und sie ist am Land aufgewachsen, und man hat sicher noch bestimmte Wertmaßstäbe gehabt. Aber sie hat halt gemeint, er hat ihr Erziehung und Manieren und alles das beigebracht. [...] Also, es ist nie irgendwas Negatives gekommen. Im Gegenteil, extrem euphorisch. Viel- leicht auch ein bisschen verklärt in der Vergangenheit. [...] Sie hat also immer gesagt, es war die große Liebe ihres Lebens. Sie hat wohl nachher noch Bezie- hungen gehabt, sie war auch verheiratet. Hat sich dann scheiden lassen. Aber sie sagt, das war’s halt … das war’s ganz einfach.“323 Keine Resultate brachte hingegen der Versuch von Nikolaj Obednjak, seine einstige „große Liebe“ Gerti Vogel und den gemeinsamen Sohn, den er nie ge- sehen hatte, zu finden. Er erinnert sich, wie er 1946 aus Österreich einen Brief an Stalin mit der Bitte schrieb, die Niederösterreicherin heiraten zu dürfen. Als Antwort wurde er noch vor der Geburt des Kindes nach Ungarn versetzt. Er schrieb ihr zwei Briefe, die allerdings ohne Antwort blieben. Nach seiner Rückkehr in die Sowjetunion heiratete er eine Einheimische, wodurch weitere Recherchen unmöglich wurden. Heute bereut der in Minsk lebende Veteran, nicht desertiert zu sein. Dies wäre zwar gefährlich, aber durchaus möglich ge- wesen. Nun wüsste er nicht, an wen er sich „in Wien“ wenden könnte.324 Re- cherchen des Instituts für Kriegsfolgen-Forschung blieben bisher ergebnislos. 3.5.1 Die nächste Generation Bemerkenswert erscheint, dass nun auch in der ehemaligen Sowjetunion An- gehörige der zweiten und dritten Generation die Suche nach möglichen Ver- 322 Ebd. 323 Ebd. 324 OHI, Nikolaj Obednjak. Durchgeführt von Peter Ruggenthaler. Minsk 30.11.2002.
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Stalins Soldaten in Österreich Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Stalins Soldaten in Österreich
Subtitle
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Author
Barbara Stelzl-Marx
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2012
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78700-6
Size
15.5 x 23.0 cm
Pages
874
Categories
Geschichte Nach 1918
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