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II. Vergewaltigungen, Beziehungen, Kinder
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Vera Ganswohl, die ihren Vater das letzte Mal mit zwei Jahren gesehen hat-
te, traf ihn 1983 in Moskau wieder. Noch heute kommen ihr Tränen, wenn sie
an das Treffen vor dem Hotel Kosmos denkt: „Aber das war wirklich für alle
Beteiligten so ein, irgend so ein Ereignis, das, glaube ich, nicht nachvollzieh-
bar ist für jemanden anderen. [...] An sich bin ich ein recht stabiler Mensch
und sehr ausgeglichen, aber das war ganz einfach so viel Gefühl und so viele
Emotionen, die da hochgekommen sind. Und das alles so zu verkraften, das
hat mich eigentlich schon sehr hergenommen, muss ich sagen.“ Dem ersten
Treffen in Moskau folgten weitere in Soči und, nach dem Tod des Vaters 1988,
eine Gegeneinladung ihrer russischen Halbschwester nach Österreich.322
Ein Wiedersehen zwischen den Eltern fand deswegen nicht statt, weil die
Mutter das idealisierte Bild ihrer Vergangenheit nicht zerstören wollte: „Im
Nachhinein ist, glaube ich, alles euphorisch. Ja, also sie erzählt, dass das der
Mann ist, der sie geprägt hat, und sie ist am Land aufgewachsen, und man
hat sicher noch bestimmte Wertmaßstäbe gehabt. Aber sie hat halt gemeint,
er hat ihr Erziehung und Manieren und alles das beigebracht. [...] Also, es ist
nie irgendwas Negatives gekommen. Im Gegenteil, extrem euphorisch. Viel-
leicht auch ein bisschen verklärt in der Vergangenheit. [...] Sie hat also immer
gesagt, es war die große Liebe ihres Lebens. Sie hat wohl nachher noch Bezie-
hungen gehabt, sie war auch verheiratet. Hat sich dann scheiden lassen. Aber
sie sagt, das war’s halt … das war’s ganz einfach.“323
Keine Resultate brachte hingegen der Versuch von Nikolaj Obednjak, seine
einstige „große Liebe“ Gerti Vogel und den gemeinsamen Sohn, den er nie ge-
sehen hatte, zu finden. Er erinnert sich, wie er 1946 aus Österreich einen Brief
an Stalin mit der Bitte schrieb, die Niederösterreicherin heiraten zu dürfen.
Als Antwort wurde er noch vor der Geburt des Kindes nach Ungarn versetzt.
Er schrieb ihr zwei Briefe, die allerdings ohne Antwort blieben. Nach seiner
Rückkehr in die Sowjetunion heiratete er eine Einheimische, wodurch weitere
Recherchen unmöglich wurden. Heute bereut der in Minsk lebende Veteran,
nicht desertiert zu sein. Dies wäre zwar gefährlich, aber durchaus möglich ge-
wesen. Nun wüsste er nicht, an wen er sich „in Wien“ wenden könnte.324 Re-
cherchen des Instituts für Kriegsfolgen-Forschung blieben bisher ergebnislos.
3.5.1 Die nächste Generation
Bemerkenswert erscheint, dass nun auch in der ehemaligen Sowjetunion An-
gehörige der zweiten und dritten Generation die Suche nach möglichen Ver-
322 Ebd.
323 Ebd.
324 OHI, Nikolaj Obednjak. Durchgeführt von Peter Ruggenthaler. Minsk 30.11.2002.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918