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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual560
ten steigern. So wurde wiederholt verlangt, „den Tagesablauf so zu gestal-
ten, dass der Personalstand möglichst wenig Zeit für sinnloses und unnötiges
Herumschlendern habe“.2 Die einzelnen Tätigkeiten waren charakteristi-
scherweise durch ein System expliziter formaler Regeln vorgeschrieben und
wurden von einer großen Gruppe von Schicksalsgenossen gemeinsam ausge-
führt.3 „Es gibt in der Armee nichts Schlimmeres, als wenn man nichts zu tun
hat“, betont General Aleksandr Orlov in diesem Zusammenhang. Deswegen
wären die Besatzungsangehörigen früh aufgestanden, hätten trainiert und ei-
nen relativ straffen Zeitplan gehabt, um möglichst beschäftigt zu sein.4
Für Einheiten der Garde-Schützendivision begann der Tag im Sommer
bereits um 5.00 Uhr früh. Vor dem Frühstück, das von 6.30 bis 7.00 Uhr an-
gesetzt war, standen Morgensport, Morgentoilette, Visitation und die Po-
litschulung auf dem Programm. Bis zum Mittagessen um 13 Uhr, dem eine
einstündige Ruhepause folgte, waren insgesamt sechs Stunden Übungen an-
beraumt, die am Nachmittag von 15 bis 19 Uhr fortgesetzt wurden. Vor dem
30-minütigen Abendessen um 19.30 Uhr hatte noch die Reinigung von Waf-
fen und Geräten zu erfolgen. Darauf folgten eineinhalb Stunden Politmassen-
arbeit und Freizeit. Nach der Standeskontrolle von 21.30 bis 22 Uhr gönnte
man den Soldaten sieben Stunden Schlaf.5
Im Winter konnten die Armeeangehörigen etwas länger schlafen und
mussten erst um 7 Uhr aufstehen. An freien Tagen fand der Morgenappell
eine Stunde später statt. Als „persönliche Zeit des Soldaten“ standen ihnen
nach dem Abendessen, das während dieser Saison in der Zeit von 21 bis 21.50
Uhr angesetzt war, insgesamt laut Plan genau 40 Minuten zur Verfügung.
Anschließend erfolgte die 15-minütige Standeskontrolle, das Schlafengehen,
wofür sie fünf Minuten Zeit hatten, und um 23 Uhr schließlich der Zapfen-
streich.6
Der in Bruck an der Leitha von 1945 bis 1947 stationierte Offizier und spä-
tere Diplomat Nikolaj Paščenko erinnert sich in diesem Zusammenhang:
2 CAMO, F. 894, op. 1, d. 65, S. 246–248, hier: S. 248, Befehl Nr. 063 des Kommandeurs der 4. Garde-
Schützendivision, Garde-Generalmajor Parfenov, und des Leiters des Stabes, Garde-Oberstleutnant
Bogatenko, über die Überprüfung der militärischen Schulung, 23.7.1945.
3 Vgl. dazu auch: Christian Th. Müller, „O’ Sowjetmensch!“ Beziehungen von sowjetischen Streit-
kräften und DDR-Gesellschaft zwischen Ritual und Alltag, in: Christian Th. Müller – Patrice G.
Poutrus (Hg.), Ankunft – Alltag – Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnung in der DDR-
Gesellschaft. Köln 2005, S. 17–134, hier: S. 63.
4 OHI, Orlov. Durchgeführt von Bakši.
5 CAMO, F. 894, op. 1, d. 64, S. 80, Befehl des Leiters des Stabes der 4. Garde-Schützendivision, Gar-
de-Oberstleutnant Bogatenko, über den Tagesablauf in den Einheiten ab 20. Mai 1945, 19.5.1945.
6 AM 4. GA, Bestand 4. Garde-Armee, Dok. Nr. 36, Befehl des Leiters des Stabes der 4. Garde-Ar-
mee, Garde-Generalmajor Fomin, über den Tagesablauf in der Zeit vom 1. Jänner bis 1. Mai 1946,
26.12.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918