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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 567
dem Papier festgelegten – räumlichen Trennung und der Repressionsappa-
rate oft genug.
Wie bereits erwähnt, wertete jedoch die sowjetische Führung Kontakte zur
örtlichen Bevölkerung als politisch und ideologisch gefährlich, weswegen
diese möglichst zu unterbinden waren.32 Angesichts der immer dringenderen
Appelle zu politischer Wachsamkeit aus Moskau hoben etwa der Komman-
deur und der Leiter der Politabteilung eines NKVD-Regiments eigens hervor,
dass nun keine Einheimischen mehr für Arbeiten in den Küchen, Lagern und
Unterkünften ihres Regiments herangezogen würden. Auch wären die Fälle,
in denen einzelne Soldaten und Offiziere mit „politisch fragwürdigen Frau-
en“ zusammenlebten, „drastisch zurückgegangen“.33 Ungeachtet der getrof-
fenen Maßnahmen stellte jedoch die geforderte Isolierung von der Zivilbevöl-
kerung vielfach eine Illusion dar.
Gerade Offiziere, die in privaten Quartieren wohnten, standen häufig in
Kontakt mit den österreichischen Wohnungsinhabern. Evgenij Malašenko,
der bis zum Abzug der Truppen 1955 mit seiner Frau und den beiden Kin-
dern in einer geräumigen Badener Villa lebte, erinnert sich, wie der Besitzer
immer wieder den Zustand seiner Liegenschaft kontrollierte: „Der Besitzer,
der mit dem Einmarsch der Truppen ausquartiert worden war, wohnte in
der Nachbarschaft. Er besuchte uns immer wieder, wir hatten eine gute Be-
ziehung zu ihm. Er hatte Angst, dass wir dort etwas zerstören würden. Wir
luden ihn in die Villa ein und zeigten ihm, wie wir wohnten. Als wir wegfuh-
ren, gab es keinerlei Beanstandungen, er war zufrieden.“34
Der in Bruck an der Leitha stationierte Oberleutnant Boris Zajcev freunde-
te sich mit Familienmitgliedern seines – unfreiwilligen – Quartiergebers rich-
tiggehend an. Er ging mit ihnen einmal pro Woche ins Kino und erhielt vom
sechsjährigen Sohn Deutschunterricht: „Als unsere Einheit nach Bruck kam,
suchte der Stadtkommandant für uns Offiziere Wohnungen aus. Die Soldaten
wohnten getrennt. Und ich bekam diese Wohnung neben der Brücke. Mit der
Frau des Hausherrn hatte ich fast keinen Kontakt, weil ich nicht im Haus,
sondern in der Einheit aß. Wir hatten einen guten Koch. Ich schlief dort und
ruhte mich dort aus. Diese Familie hatte zwei Töchter und einen Sohn. Der
Bub kam sehr gern zu mir. Er redete mit mir und brachte mir Deutsch bei.
32 Siehe dazu auch das Kapitel B.II.2.3 „Reaktionen von sowjetischer Seite“ in diesem Band.
33 RGVA, F. 32914, op. 1, d. 132, S. 218–264, hier: S. 249f., Bericht des Kommandeurs des 336. NKVD-
Grenzregiments, Martynov, und des Leiters der Politabteilung des Regiments, Čurkin, an den Lei-
ter der Politabteilung der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front,
Oberst Nanejšvili, über den Dienst, die parteipolitische Arbeit, den politisch-moralischen Zustand
und die Disziplin des Regiments im 2. Quartal 1945 [Juni 1945].
34 OHI, Malašenko.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918