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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 569
1.2.2 Zwischen Borschtsch und Sachertorte
„Für die Mannschaften und Unteroffiziere sowie getrennt davon für das Of-
fizierskorps wurden solide Speisesäle eingerichtet, die in vollem Umfang mit
dem erforderlichen Interieur und den benötigten Möbeln ausgestattet sind.
Die Verpflegung der Mannschaften des Regiments ist gut organisiert, es wird
schmackhafte und sättigende Nahrung zubereitet“,40 betonte ein Politbericht
vom Mai 1945. Auch andere Dokumente verweisen auf das für die Besat-
zungstruppen festgelegte Reglement der Verpflegung. Demnach standen
dreimal täglich warme bzw. flüssige Speisen auf dem Menüplan, wozu „rus-
sische Klassiker“ wie Borschtsch oder die Brotbiersuppe „okroška“ gehörten.
Als Hauptspeise gab es meist Fleisch mit Gemüse als Beilage. Der Kalorienge-
halt wurde als ausreichend und der Geschmack als gut eingestuft. Aus Angst
vor Vergiftungen hatten die Mitarbeiter der Sanitätsabteilung jeweils Proben
vor der Ausgabe der Speisen zu entnehmen. Schließlich handelte es sich bei
den Nahrungsmitteln nicht nur um Armeevorräte, sondern auch um Beute-
güter.41
Nicht immer ging die Verköstigung der Truppen so reibungslos vor sich,
wie dieser Bericht suggeriert. Teilweise wurden Klagen darüber laut, dass die
Nahrung zu eintönig und einfach, aber schlichtweg auch zu wenig sei.42 Bei-
spielsweise waren im August 1945 „Schwierigkeiten bei der Zubereitung von
Kartoffeln und Gemüse“ zu bemerken, die mit der allgemein schlechten Ver-
sorgungslage in Österreich zusammenhingen.43 Kritik zogen in erster Linie
die Armeeköche auf sich, wobei diese als „unlauteres Verhalten“ eingestufte
Reaktion der Truppenangehörigen noch zusätzlich zu einer Verschlechterung
des Speiseplans beitrug.44 Öffentlich prangerte ein Garde-Oberstleutnant das
bereits seit mehreren Wochen „geschmacklose und eintönige Essen“ in seiner
Einheit an. Über die Armeezeitung „Za čest’ Rodiny“ ließ er dem zuständi-
40 CAMO, F. 821, op. 1, d. 467, S. 195–199, Politbericht des Leiters des 6. Garde-Schützenkorps, Garde-
Oberst Gruzdov, an den Leiter der Politabteilung der 57. Armee, Generalmajor Cinev, über den
politisch-moralischen Zustand des Mannschaftsstandes, dessen Lebensbedingungen und die par-
teipolitische Arbeit, 21.5.1945. Abgedruckt in: Karner – Pickl, Die Rote Armee in der Steiermark,
Dok. Nr. 66.
41 RGVA, F. 32902, op. 1, d. 172, S. 30–32, Bericht des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz
des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Major Kruglij, über die Versorgung der Einheiten,
15.6.1945.
42 Siehe dazu auch das Kapitel B.I.1.1 „Kapitalismus und Kulturschock“ in diesem Band.
43 RGVA, F. 32905, op. 1, d. 396, S. 53, Bericht des stv. Leiters der NKVD-Truppen zum Schutz des
Hinterlandes der CGV, Oberst Sacharov, über die Versorgung der Truppen, 22.8.1945.
44 RGVA, F. 32907, op. 1, d. 351, S. 38–41, hier: S. 39, Protokoll der Parteiversammlung des 10. NKVD-
Grenzregiments über die Aufgaben der Kommunisten im Kampf gegen amoralische Erscheinun-
gen, 24.8.1945.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918