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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 585
ist der Fall von Herbert Killian, der wegen „drei Ohrfeigen“ von einem sowje-
tischen Militärtribunal zu drei Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. In der Vor-
untersuchung hatte man ihm vorgeworfen, er hätte den neunjährigen Jurij
Kontorščikov in den Keller seines Hauses schleppen und dort ermorden wol-
len. Killian, der sich Anfang Juni 1947 in Korneuburg auf die mündliche Ma-
tura vorbereitete, schildert hingegen diesen Akt des „Rowdytums“ am Sohn
eines sowjetischen Majors ungleich harmloser und bezieht sich auch auf den
Kontext des Vorfalls: „Drei Buben in blauer Uniform verprügeln gerade zwei
Kinder aus unserem Haus. Die drei Fremden gehören zu russischen Offiziers-
familien, die im Nebenhaus wohnen. Die große Kaserne über der Straße, einst
der Stolz unserer Stadt, ist seit Kriegsende mit sowjetischen Soldaten belegt
und das Wohnhaus gegenüber von der Roten Armee beschlagnahmt. Ich
brülle aus dem Fenster, um Ruhe zu schaffen. Die drei uniformierten Buben
ergreifen die Flucht und verschwinden. Aber nur kurze Zeit, dann beginnt
das Spektakel von Neuem. Doch alles Schimpfen und Brüllen ist umsonst. Sie
zeigen mir die lange Nase, strecken die Zunge weit heraus, schließlich fliegen
Steine gegen unsere Fenster.“95 Ein Nachbar meinte noch, man müsse sich
nicht alles „von dieser Russenbande“ gefallen lassen. Die vergleichsweise
niedere Popularität der sowjetischen Besatzer in Österreich schlug sich auch
bei dieser Kategorie der „Russenkinder“ nieder.
Killian lief hinunter in den Garten, packte einen der „Missetäter“ und zerr-
te in zurück in den Garten. „Zitternd und bleich steht der Junge vor mir. Der
freche Blick in seinen Augen ist erloschen. Ich schlage ihm mit der flachen
Hand drei- oder viermal ins Gesicht. Drei sowjetische Offiziere tauchen auf.
Ich flüchte.“ Doch Killian beschloss, nicht davonzulaufen, schließlich hatte
er, so seine Einschätzung, nichts Unrechtes getan. Die Offiziere holten ihn
ein, schlugen ihn und führten ihn ab.96 Wenig später wurde er als verurteilter
„Verbrecher“ nach Ostsibirien, auf die Kolyma, deportiert. Erst nach sechs
Jahren konnte er nach Österreich zurückkehren.97
Für die betroffenen Kinder bedeutete ihr monate-, manchmal jahrelanger
Aufenthalt in Österreich einen Spagat zwischen einer zwar exterritorialen,
aber doch vorwiegend sowjetischen Lebenswelt und einer westlichen Umge-
bung. Lidia Krišanovskaja, die wegen ihres imposanten Haarschmuckes „die
Masche“ genannt wurde, erinnert sich etwa an einen Ball im Badener Haus
der Offiziere, wo sie gemeinsam mit anderen Offizierskindern als Einlage ein
95 Killian, Geraubte Jahre, S. 22.
96 Ebd., S. 22f.
97 Herbert Killian, Geraubte Freiheit. Ein Österreicher verschollen in Nordostsibirien. Berndorf 2008;
Stelzl-Marx, Kolyma – Jahre in Stalins Besserungsarbeitslagern.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918