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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual586
Schneeflockenballett aufführte. Niederösterreich lernte sie durch organisier-
te Ausflüge nur ansatzweise kennen: „Wir waren vier Kinder, eines davon
adoptiert. Daher kamen wir nicht viel hinaus, aber es gab einige größere Aus-
flüge: Wienerwald, Rax, Donaufischen, sonstige Offiziersausflüge.“98 Den ein-
zigen intensiveren Kontakt ihrer Familie zur österreichischen Bevölkerung
stellte – abgesehen von ihrer Klavierlehrerin – ein Dienstmädchen dar, mit
dem der Adjutant des Vaters, Vassilij Toločšenko, eine Affäre hatte: „Dieser
war immer beim Vater, als Dienstbote und Übersetzer, auch als Spionage-
agent. Er verliebte sich in ein österreichisches Dienstmädchen namens Moni-
ka, 17–20 Jahre, die einzige österreichische Bekanntschaft, die sie hatten. Die
Romanze dauerte, solange er hier war, dann durfte sie nicht mit nach Russ-
land, obwohl beide dies wollten. Er ist Schriftsteller geworden.“99
Signifikant ist ihre folgende Schilderung, die ein Schlaglicht auf die Wahr-
nehmung der österreichischen Nachkriegssituation durch sowjetische Ange-
hörige und die Privilegien sowjetischer Offiziersfamilien wirft: „Als Klavier-
lehrerin für uns Kinder wurde eine Lehrerin vom Wiener Konservatorium
angestellt. Sie war eine sehr gute Lehrerin. Als ich nach Moskau zurückkam,
erhielt ich das Kompliment, dass ich in Österreich so viel gelernt habe wie in
Moskau in vier Jahren. Zu den Musikstunden wurde immer Tee serviert. Als
die Mutter hinausging, packte die Klavierlehrerin heimlich den Würfelzucker
ein, aber wir Kinder sahen es doch und erzählten es der Mutter. Da erkannte
die Mutter, dass das Leben für die Klavierlehrerin wahrscheinlich sehr schwer
war. Das nächste Mal bekam sie als Souvenir ein Kilogramm Würfelzucker.
Alle vier Kinder im Haus mussten Klavier lernen, aber nur ich tat es gern. Die
anderen schauten schon beim Fenster hinaus und versteckten sich, wenn sie
die Klavierlehrerin kommen sahen. Die Lehrerin wollte aber ihre drei Stun-
den verdienen und lernte daher drei Stunden mit mir, darum die großen Fort-
schritte. (Ich konnte aber später nicht Musikerin werden. Mein Vater wurde
später nach Rumänien geschickt, ich musste bei der Oma bleiben.)“100
Tatsächlich stellte unter anderem der Musikunterricht sowjetischer Kinder
in Österreich eine wichtige Einnahmequelle für Einheimische dar. Dies betonte
auch die Wiener Klavierlehrerin Erika P. in ihrem Schreiben an das Kunstko-
mitee des Ministerrats der UdSSR vom Februar 1948: „Seit August 1947 arbei-
te ich als Musiklehrerin im Haus der Offiziere der Sowjetischen Armee in der
Hofburg in Wien und gebe dort 18 sowjetischen Kindern in unterschiedlichem
Alter Musikunterricht – je zwei Stunden pro Woche. Den Unterricht halte ich
98 Maurer, Befreiung? – Befreiung!, S. 72.
99 Ebd.
100 Ebd., S. 73.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918