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1. Sowjetischer Alltag in Österreich 587
auf Russisch, was ich früher lernte. Wegen meiner kommunistischen Einstel-
lung konnte ich mich trotz aller Bemühungen nicht in Österreich entfalten. Im
Falle, dass alle sowjetischen Kinder in die Heimat zurückkehren, wird meine
Musikschule aufgelöst werden, und ich stehe erneut vor dem Nichts.“ Erika P.
ersuchte, in einer der Städte der Sowjetunion als Orgellehrerin arbeiten zu dür-
fen.101 Ob ihrem Ansuchen stattgegeben wurde, ist nicht überliefert.
In diesem Zusammenhang kommen indirekt auch die materiellen Mög-
lichkeiten der in Österreich lebenden Offiziersfamilien zum Ausdruck, die
hier weit über jenen in der Sowjetunion lagen. Lidia Krišanovskaja erinnert
sich dabei: „In der Wohnung im Wilhelmhof fanden wir eine Kiste voll sehr
guter Klaviernoten und ein ausgezeichnetes Klavier vor. Die Mutter hätte
das Klavier gern nach Russland mitgenommen, denn dort konnte man sehr
schwer eines bekommen, aber der Vater ließ das nicht zu, er war überaus
korrekt. Die Mutter kaufte daher ein gebrauchtes und schlug vor, dieses im
Wilhelmhof zu lassen, aber auch das gestattete der Vater nicht.“102 Stolz er-
innert sie sich auch an die Autos, die ihrer Familie in Baden zur Verfügung
standen: „Wir bekamen damals als Dienstauto einen Horch. Vater hatte noch
ein zweites als Privat-Dienstauto für die Familie. Wenn das Auto vor dem
Haus stand, blieben alle stehen, um es anzuschauen. Es ging bis 180 km/h!“103
1.3.3 Sowjetische Schulen
Der Schulbildung maß man während des Auslandsaufenthaltes generell eine
große Bedeutung bei, selbst wenn sie eine – vorübergehende – Trennung von
101 GARF, F. 5283, op. 16, d. 19, S. 144, Schreiben von Erika P. an das Kunstkomitee des Ministerrats der
UdSSR, 25.2.1948.
102 Maurer, Befreiung? – Befreiung!, S. 72.
103 Ebd. Abb. 90: Die Tochter einer
sowjetischen Offiziersfamilie
in Baden bei Wien trug wegen
ihres beeindruckenden Haar-
schmucks den Spitznamen
„die Masche“. (Quelle: Stadt-
archiv Baden)
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918