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III. Alltag, Freizeit,
Besatzungsritual602
Rund ein Jahr später durften ein 29-köpfiges Ensemble des Zentralen The-
aters der Roten Armee für zwei Monate sowie einige Orchestermitglieder des
Allunions-Radiokomitees für drei Monate nach Österreich, Deutschland und
Ungarn fahren.157 Im Februar 1948 wurden außerdem mehrere Orchestermit-
glieder für einen Monat zur CGV entsandt. Den Anlass dazu bot das 30-jähri-
ge Jubiläum der Sowjetischen Armee.158
Diese Gastspiele stellten sicherlich einen Höhepunkt in der künstlerischen
Betreuung der Armeeangehörigen dar. Gleichzeitig wandte man sich jedoch
der „künstlerischen Selbstentwicklung“ zu, indem die Politoffiziere auf die
Bildung freiwilliger Kollektive durch in Österreich stationierte Künstler, Mu-
siker, Schauspieler oder Tänzer drängten. Auch Offiziersfrauen oder Zivilan-
gestellte mit künstlerischem Talent wirkten mit. Kulturelle Zentren dieser
Aktivitäten waren die Offizierskasinos.
2.4 Organisierte Freizeit- und Erholungsangebote
2.4.1 Das „Haus der Offiziere“
Die größte und aktivste dieser Einrichtungen stellte das sogenannte „Haus
der Offiziere“ („dom oficerov“) in der Wiener Hofburg dar. Eröffnet wurde
es am 8. November 1945, am Tag nach dem Jahrestag der Oktoberrevolution,
als „wunderbares Geschenk“ an die sowjetischen Offiziere anlässlich dieses
Jubiläums. Vom Vestibül ging man „über eine breite, mit Teppichen ausge-
legte Treppe“ hinauf, „und vor Ihren Augen steht ein großes Porträt vom
Generalissimus der Sowjetunion, Genossen Stalin“, schwärmte ein Leutnant
Sergievič in „Za čest’ Rodiny“. Auch auf weitere Insignien der Sowjetmacht
wies er stolz hin. So befand sich über der Bühne im Zuschauerraum ein „gro-
ßer, voluminöser roter Stern, darüber ein Plakat ‚Es lebe der XXVIII. Jahrestag
der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution!‘. Im Vestibül hingen Porträts
der Marschälle der Sowjetunion.“159
Das Ziel dieser Institutionen bestand generell darin, den Offizieren – und
ihren Familien – Möglichkeiten für unterschiedliche Freizeitaktivitäten zu
bieten. Auch hier schwang immer eine politisch-ideologische Motivation mit.
157 RGASPI, F. 17, op. 116, d. 313, S. 85, Beschluss Nr. 313 (476) des Sekretariats des ZK der VKP(b) über
die künstlerische Betreuung von Truppen der Roten Armee im Ausland, 7.7.1947.
158 RGASPI, F. 17, op. 116, d. 340, S. 87, Beschluss Nr. 340 (425) des Sekretariats des ZK der VKP(b) über
die Entsendung von Orchestermitgliedern für die künstlerische Betreuung von Truppen der Roten
Armee im Ausland anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Sowjetischen Armee, 11.2.1948.
159 D. Sergievič, Zavtra otkryvaetsja Dom oficerov Krasnoj Armii v Vene“, in: Za čest’ Rodiny,
7.11.1945, S. 8.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Stalins Soldaten in Österreich
- Subtitle
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Author
- Barbara Stelzl-Marx
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2012
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 874
- Categories
- Geschichte Nach 1918